W I S S E N S C H A F T Endlich einig - und bedeutungslos

Antisemitismus? Populismus? Das Hannah-Arendt-Institut beschäftigt sich lieber mit sich selbst

In solchen Zeiten sucht man nach Instanzen, die über die gesellschaftlichen Hintergründe dieses Wandels aufklären können und Orientierung geben. Oder wenigstens nach einer Stelle, die aus der Geschichte weiß, wie antidemokratisches Denken entstehen kann, und die diese historischen Erkenntnisse für die Gegenwart nutzbar macht.

In Dresden gibt es eigentlich ein solches Institut. Es trägt den Namen einer kühnen Vordenkerin, für die historische Theorie und aktuelle Gesellschaftsanalyse nie ein Gegensatz waren: das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT). In dessen Satzung steht sogar, dass es auch seine Aufgabe sei, "sich für Initiativen einzusetzen, die dem Entstehen totalitärer Strukturen entgegenwirken". Darin spiegelt sich noch der Gründungsimpetus von 1993, der aus der doppelten Diktaturerfahrung Ostdeutschlands und dem Freiheitswillen des Umsturzes von 1989/90 stammt.

Doch als öffentliche Stimme, als Seismograf und geistiges Zentrum der Gesellschaftsbeobachtung fällt das HAIT derzeit aus. Es ist stattdessen mit der Aufarbeitung seiner eigenen, noch sehr jungen Vergangenheit beschäftigt. Seit Anfang dieses Jahres arbeitet das Institut ohne einen regulären Direktor. Dem bisherigen Amtsinhaber, dem Historiker Klaus-Dietmar Henke, hatte die Mehrheit des Kuratoriums unter der Leitung des sächsischen CDU-Kultusministers Matthias Rößler die Vertragsverlängerung verweigert. Eine Berufungskommission, zusammengesetzt zur einen Hälfte aus Mitgliedern des HAIT-Kuratoriums, zur anderen aus Professoren der TU Dresden, prüft derzeit die neuen Bewerbungen. In der engeren Auswahl stehen immerhin fünf hoch qualifizierte Bewerber, darunter Gerhard Besier, Kirchenhistoriker aus Heidelberg, und die Leipziger Soziologin Sigrid Meuschel. In dieser Woche mussten sich die Kandidaten einer wissenschaftlichen Anhörung stellen. Die Entscheidung soll schnell getroffen werden, möglichst bis zum Herbst. Bis dahin aber wird das HAIT vollauf damit beschäftigt sein, den ihm entstandenen Imageschaden zu begrenzen.

Das Hannah-Arendt-Institut - das eigentlich Hort der Aufklärung sein sollte - blickt auf eine kurze, aber umso leidvollere Geschichte voller bizarrer Intrigen und politischer Zerwürfnisse zurück. Den vorläufigen Höhepunkt bildete die Absetzung des SPD-Mitglieds Henke; sie brachte das Institut an den Rand seiner Existenz. Der Anlass: Vor gut zweieinhalb Jahren war das HAIT in den Verruf geraten, ein Zentrum rechter Geschichtsrevisionisten zu sein. Auslöser war ein Zeitungsartikel, in dem der Institutsmitarbeiter Lothar Fritze mit formalistischer, ethiktheoretischer Beweisführung die moralische Berechtigung des Attentats auf Hitler anzweifelte, das der Tischler Johann Georg Elser 1939 im Münchner Bürgerbräukeller verübt hatte. Führende Zeithistoriker und Feuilletonisten der Republik witterten darin den Versuch, dem Widerstand seine Legitimität zu nehmen und so zu einer Entlastung des Nationalsozialismus zu gelangen. Während Henke und sein Stellvertreter Clemens Vollnhals öffentlich gegen Fritze Position bezogen, stärkte Henkes zweiter Vize, der Politologe Uwe Backes, Fritze demonstrativ den Rücken und zieh seinen Chef der Gesinnungszensur und Anpassung an den "linken Zeitgeist". Henke forderte die Entlassung von Fritze und Backes. Das Kuratorium verweigerte dies und gab stattdessen Henke den Laufpass.

War das ein Lehrstück politischer Gleichschaltung einer wissenschaftlichen Institution auf der bayerisch-sächsischen Achse nationalkonservativer Geschichtspolitik? Alles Schmarren, beteuert heute Heinrich Oberreuter, seit Februar kommissarischer Direktor des HAIT. Da hätten einfach welche charakterlich nicht miteinander gekonnt und einen Anlass gefunden, ihre Antipathien bis zum Ende auszutragen. In dem ganzen Rummel sei übrigens nie recht gewürdigt worden, dass es im tiefschwarzen Sachsen immerhin möglich war, mit Henke einen SPD-Mann auf einen solch profilierten Posten zu berufen. Oberreuter selbst ist ein umtriebiger Wissenschaftsfunktionär mit besten Beziehungen zur CSU. Der 60-jährige Passauer Politologieprofessor leitet die Akademie für politische Bildung in Tutzing.

Alles Unsinn und bloßes Produkt einer "Skandalisierung" durch die Medien, kommentiert auch Uwe Backes den Vorwurf, der Konflikt sei Ausdruck ideologischer Richtungskämpfe gewesen. Es ist ihm wichtig, auch ungefragt, den Verdacht zu zerstreuen, er sei rechtslastig. "Ich bin ein Liberaler", betont er mehrfach.

Jetzt sind die konservativen Freigeister endlich weitgehend unter sich. Der Preis dafür ist der Absturz des von ihnen eroberten Instituts in die wissenschaftliche Bedeutungslosigkeit. Zudem: Mit dem geschassten Direktor haben fast alle international angesehenen Persönlichkeiten den wissenschaftlichen Beirat und den Trägerverein verlassen - und die lukrativsten Forschungsprojekte sind mit Henke zu dessen Lehrstuhl an der TU Dresden gewandert.

Es scheint, als sei es den konservativen Totalitarismusforschern nur darum gegangen, das von ihnen beanspruchte Gebiet von unzuverlässigen Elementen freizuhalten. Jetzt wissen sie mit ihrem Institut gar nichts weiter anzufangen und üben sich in ihrer Einsamkeit in einer Charmeoffensive. Frei nach der Devise: All die Querelen seien halb so schlimm gewesen, hätten auf Missverständnissen und medialen Verzerrungen beruht. Das Letzte, das man sich in dieser Situation leisten will, ist deshalb, sich durch öffentliche Äußerungen zu aktuellen politischen Streitfragen wie dem Antisemitismus und dem Rechtspopulismus erneut den Mund zu verbrennen.

Doch fällt die Analyse neuer autoritärer Bedrohungen überhaupt in die Zuständigkeit einer wissenschaftlichen Einrichtung, die sich der Totalitarismus- und Diktaturforschung verschrieben hat? Schon die Frage stößt auf Unverständnis. Über islamistischen Fundamentalismus, sagt Backes, könnte man schon mal ein Forschungsprojekt ins Auge fassen. Der sei ja durchaus mit historischen totalitären Bewegungen vergleichbar. Aber für Antisemitismus gebe es doch schon das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Und im Übrigen sagt auch sein Kontrahent Vollnhals: Zu Möllemann könne man wie jeder Zeitgenosse eine Meinung haben, als Wissenschaftler aber sei er nur für zeithistorische Fragestellungen kompetent.

Man kennt und bekämpft sich

Die geistige Austrocknung des HAIT scheint auch Matthias Rößler, der sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kultur, nachdenklich zu machen. Obwohl er sich vor kurzem vom Posten des Kuratoriumsvorsitzenden zurückgezogen hat, betrachtet er das Institut noch immer als sein Ziehkind. Rößler konzediert, aus seiner DDR-Biografie heraus die Brisanz vieler Vergangenheitsfragen in der westlichen Diskussion verkannt zu haben. Unter Totalitarismusbekämpfung versteht Rößler derzeit primär, die PDS - die zweitstärkste Partei im sächsischen Landtag - aus dem Institutskuratorium herauszuhalten. Dazu hat er eine Satzungsänderung durchgesetzt, mit der die Plätze für Parteienvertreter von drei auf zwei reduziert wurden. Und die sind schon von der CDU und der SPD besetzt. Schließlich sei, sagt Rößler schlitzohrig, die Verringerung des politischen Einflusses eine ausdrückliche Forderung seiner Kritiker gewesen.

Der kommissarische Direktor Heinrich Oberreuter will sich zu der zukünftigen Orientierung des Instituts nicht näher äußern. Das sei die Aufgabe des nächsten Direktors, sagt er knapp. Sein Job bestehe ausschließlich darin, "Brücken zu bauen" und dem Institut über die schwere Übergangszeit zu helfen. Eigenartig nur, dass in der Evaluierungskommission, die soeben die wissenschaftlichen Leistungen der Ära des alten Institusdirektors überprüft hat, ausgerechnet Horst Möller federführend war, der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und ein alter Intimfeind Henkes.

Im Grunde genommen ist die Affäre um das HAIT ein Lehrstück über den Wissenschaftsbetrieb. Denn sie enthält alles, was das deutsche akademische Leben zu ersticken droht. Man kennt sich, man verbindet sich, man bekämpft sich, man trifft sich überall wieder. Und bleibt über die Jahre hinweg in altbekannten ideologischen Positionen und Streitigkeiten gefangen. Den Konservativen geht es vor allem darum, die SED- mit der NS-Diktatur gleichzusetzen. Ihre linken und liberalen Kritiker aber überlassen ihnen freiwillig das Feld, indem sie der vergleichenden Totalitarismusforschung immer noch mit antifaschistisch korrektem Argwohn begegnen. Das Publikum vernimmt es mit Erstaunen und wendet sich ab, weil inmitten dieses Gezerres wirklich brennende Fragen unbeantwortet bleiben.

 
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