Sommerfrische des Ghibellinen. "Ich habe keine Heimatstadt gehabt und gekannt und erst spät erfahren, dass ich ein Heimatland habe

dass ich ein Vaterland habe erst an mir selber in reifen, bitteren Stunden", heißt es in dem soeben wieder erschienenen autobiografischen Fragment Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt (Suhrkamp), das manche Kenner für einen der schönsten Texte des Autors halten. Was dem Menschen sonst unverdient in die Wiege gelegt wurde - Herkunft, Zugehörigkeit zu einem Volk, Glaube und Geschichte -, versuchte Borchardt durch reine Willensanstrengung aus einer neuen Belebung der europäischen Bildung zu erobern. Rückwärts gewandt war dieser Versuch gerade nicht: Einer Zukunft, in der das Schicksal der Entwurzelung allgemein sein würde, zeigte er, wie man die formschaffenden Kräfte der Geschichte dennoch für sich in Besitz nehmen könne.

In seiner Lebensbeschreibung ließ er Ostpreußen, woher seine Eltern kamen, das er aber nur aus den Erzählungen der Großmutter kannte, als bedeutende Provinz des deutschen geistigen Lebens erstehen, als das deutscheste aller Länder. In den starken Farben seiner Rhetorik leuchtete das Land Kants, Herders und Hamanns. Borchardt feierte die Weltläufigkeit einer an England gebildeten Kaufmannschaft, die Steigerung der deutschen Eigenart durch die Nachbarschaft Russlands, die Deutschlandbegeisterung der Königsberger Juden, einen altpreußischen Freiheitssinn voll Opferbereitschaft und Loyalität.

Dichterisch geschaut war diese Heimat, deren Wirklichkeit nach ihrem Untergang nicht mehr überprüft werden kann. Ihr gegenüber steht Borchardts zweite Wahlheimat Lucca. Ein mittelloser Schriftsteller mit Familie konnte in Italien damals für wenig Geld ein großes Haus mieten, aber bei Borchardt verband sich die Nützlichkeit alsbald mit Lebensgrundsätzen, denn eine praktische Notwendigkeit erkannte er nur, wo eine poetische Notwendigkeit ihr entsprach. Die Landschaft um Lucca und Pisa wurde ihm zum Gleichnis des eigenen Lebens. Vor seinem Blick, der selbst in Gebirgsformen oder dem Blütenstand der Pflanzen den kulturellen Ausdruck und den schöpferischen Willen, so und nicht anders zu sein, wahrnahm, war die Lucchesia nicht erst seit den mittelalterlichen Ghibellinen "Reichsland", Ort des Traditionsübergangs römischer Form auf die jungen Völker des Nordens.

Den Bildungsvorgang, den gotische Häuptlinge erlebten, als sie sich mit ihrem eroberten Grundbesitz in den antik-römischen Kataster einfügten, wollte er am eigenen Leib erfahren, wie er ihn als Philologe bei der Einfühlung in die antiken Sprachen bereits vollzogen hatte. Die Lucchesia mit ihren alten Städten, unzähligen herrschaftlichen Landsitzen erschien ihm als ein Paradigma kultureller Kontinuität - hier war im Großen geglückt, was auch im einzelnen Leben geleistet werden musste. Die unbedingte Verbindlichkeit der Geschichte für die eigene Existenz macht Borchardts Werk immun gegen die Kritik, er habe vor lauter Begeisterung die politische Realität seiner Wahlheimat überhaupt nicht wahrgenommen. Gewiss, Italien befand sich in einem Rausch des Nationalismus

jede Erinnerung an das römisch-deutsche Reich musste empörend wirken. Das Pachtsystem der toskanischen Gutsherrschaften, in dem Borchardt eine für die Ewigkeit bestimmte Harmonie erkannte, stand vor dem Untergang. Schon dass er als Dichter ohne Geld in verfallenden Palästen hausen konnte, hätte ihn darüber belehren müssen, dass es mit dem Gutsbesitz nicht zum Besten stand. Das konkret Politische hatte jedoch einen geringeren Grad an Wirklichkeit für ihn, wenn er die steinernen und sprachlichen Traditionslinien betrachtete, die über den größten Umbrüchen nicht zerrissen waren. Wirklichkeit besaß nur die Form. Ihr würde die Zukunft sich bequemen müssen, wenn sie Gewicht erlangen wollte. Dies abzuwarten war die lucchesische Villa ein angemessener Aufenthalt.

Borchardt in drei Gestalten. In Lucca kam die Borchardt-Gesellschaft aus Anlass des 125. Geburtstages von Rudolf Borchardt zusammen. Dort steht gegenüber dem Theater immer noch das Hotel Universo, in dem Borchardt abstieg, wenn er wieder einmal ein neues Haus suchen musste. Zwölf Villen hat er in der Lucchesia bewohnt, denn es gelang ihm niemals, das Ideal des mit seinem Boden fest verbundenen Gutsherrn selbst zu verwirklichen. Die Germanisten und Philologen, die zu Ehren Borchardts zusammenkamen, scharten sich um dessen drei Söhne, die ihrem Vater, jeder auf andere Weise, frappierend ähnlich sehen.