Der Titel lässt vermuten, hier werde besonders streng Anklage erhoben: Athen, die Geburtsstätte der Demokratie, als Ausgangs- und Auschwitz als Endstation eines europäischen Sonderweges - das klingt, als werde ein Pfad der kontinuierlichen Abkehr Europas von Freiheit und Menschenrechten beschrieben.

Dem Althistoriker Christian Meier geht es jedoch um die Rolle der Geschichte und die Verantwortung des Historikers in unserer Zeit, die geschichtsvergessen zu werden droht. Er will den europäischen Sonderweg so verstanden wissen: Wie kam es, dass gerade Europa "die Welt von sich aus erschloss, vermaß, mit Stützpunkten überzog, teils besiedelte, teils eroberte, jedenfalls ausbeutete und ihr auf die Dauer sein Gesetz auferlegte"? Weshalb gelang dies nicht den Arabern oder den Chinesen, trotz ihrer großartigen kulturellen, erfinderischen und militärischen Leistungen und trotz ihres frühen Entwicklungsvorsprungs vor Europa?

Für das Selbstverständnis wie das Fremdverständnis Europas ist, betont Meier, die Frage nach seinem Sonderweg zentral. Nur interessieren sich die Europäer nicht sonderlich dafür. "So wächst mit der europäischen Union zum ersten Mal in der Neuzeit eine politische Einheit heran ohne das Bedürfnis nach einer eigenen Geschichte und historischen Orientierung." Dabei würde eine solche Orientierung dringend benötigt angesichts der Abwesenheit von Zukunftsvorstellungen und der Hilflosigkeit gegenüber dem durch immer schnellere Entwicklung von Kommunikation, Wirtschaft und Wissenschaft bedingten tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel.

Die Erfahrungen und Errungenschaften, die Europa auf seinem Weg durch die Geschichte gesammelt und sich verfügbar gemacht hat, sind laut Meier stattlich und zudem zukunftstauglich. Neben der Philosophie und dem politischen Denken der Griechen, dem römischen Recht und der Fähigkeit des Christentums, Bewahrenswertes aus der Antike weiterzuführen, führt er als wichtigste Grundtatbestände an: Freiheit des Einzelnen und des Gemeinwesens in einer freiheitlichen Verfassung und Rechtsordnung, Respekt vor der Menschenwürde, zum kritischen Fragen befähigendes Erkenntnisvermögen sowie Verantwortung für sich und andere.

Doch wie kann man Auschwitz und die großen Errungenschaften des europäischen Sonderwegs, die dort evident versagten, "zusammendenken"? Meier warnt davor, es bei Verdrängung, Betroffenheit und Ritual bewenden zu lassen. Er hält Auschwitz als "eine generelle Möglichkeit des Menschlichen" und damit auch, als "unsere eigene Möglichkeit", für erklärbar, darstellbar und analysierbar.

Das werde zu immer neuem Erschrecken und Verurteilen führen, aber dabei dürfe man nicht stehen bleiben. Meier erinnert an die These von Imre Kertész: "Der Holocaust ist ein Wert, weil er über unermessliches Leid zu unermesslichem Wissen geführt hat und damit eine unermessliche moralische Reserve birgt."

Das sei kühn, aber ohne Kühnheit kapituliere man allzu leicht vor dem Holocaust und lande in tiefer Verzagtheit.