Mein Freund Sergej, ein hoch qualifizierter Computerspezialist aus St.

Petersburg, der in Berlin bei der Firma Sony als Programmierer arbeitete, verlor kurz vor Ende des vergangenen Jahres zusammen mit einigen anderen Kollegen seinen Job. Doch Sergej machte sich wegen der Arbeitslosigkeit keine großen Sorgen. Er ist schon früher mehrmals aus verschiedenen Firmen rausgeflogen, und jedes Mal gelang es ihm, sofort eine neue Stelle zu finden.

Auch diesmal werde es nicht anders sein, meinte mein Freund. Wahrscheinlich wolle Sony in Berlin nur seine Statistik im Sparbereich schönen und werde nächstes Jahr wieder alle einstellen. Sergej bekam als Abfindung sein Gehalt für ein halbes Jahr und sehnte sich eher nach einem Urlaub in der Karibik als nach einer neuen Arbeit. Auf der Suche nach günstigen Reiseangeboten stieß er im Internet auf die Homepage der Firma Optronik GmbH & Co. KG, die für eine Manöverübung der amerikanischen Armee in Hohenfels Zivilisten suchte. Die Bedingungen dort im Bayerischen Wald waren hart, man musste um fünf aufstehen, rund um die Uhr in voller Einsatzbereitschaft sein, Alkohol und andere Drogen waren strikt verboten. Dafür bekam man jedoch 92 Euro pro Tag.

Das wäre doch ein Alternativurlaub der Extraklasse, dachte Sergej und bewarb sich bei Optronik, allerdings ohne große Hoffnung, denn einige russische Freunde erzählten ihm, sie seien nicht genommen worden. Nach wenigen Tagen erhielt unser Freund eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, schrieb die Optronic GmbH, dass Sie als Mitglied in unserem Programm >Zivilisten auf dem Schlachtfeld Europa< aufgenommen wurden. Weiter hieß es in dem Brief: Schokolade, Zigaretten und Taschentücher nehmen Sie am besten mit sowie etwas Geld für eventuelle Besuche des Burger King, der Disco und der Bowlingbahn, weil auf dem Militärgelände keine Einkaufsmöglichkeit besteht und es keine Geldautomaten gibt. Wir versuchten unseren Freund von dieser verrückten Idee abzubringen, doch er blieb hart: Die Amerikaner rüsten auf, sie wollen den Umgang mit der Zivilbevölkerung in Europa lernen, und wir Europäer müssen uns auch auf die nahe Zukunft vorbereiten und den Umgang mit der U. S. Army im zivilen Leben lernen.

Jeden Morgen gab es beim Frühstück ein anderes Drehbuch

Bald darauf wurde er mit mehreren hundert anderen Zivilisten nach Hohenfels abtransportiert. Dort errichteten die Amerikaner für die Manöverübung sechs Dörfer: Sergej wurde einer serbisch-albanischen Siedlung mit einem Minarett in der Mitte zugewiesen.

In jedem Dorf hatte ein amerikanischer Supervisor das Wort, er passte auf die Zivilisten auf und verteilte jeden Tag neue Rollen an sie. Laut seines ersten Drehbuchs musste Sergej einen mental unausgeglichenen Kosovo-Serben spielen, dessen Bruder Mitglied der Serbischen Nationalen Widerstandsorganisation SNS war.