Björn Kern: Kipppunkt, dtv/Reihe Hanser, München 2002, 125 S., 7,- e.

Drei Leben hat der 19-jährige Karsten: eins mit seiner Freundin Anna im Glück, eins als Zivi in einem Heim für debile Alte in der Provence und eins im Gerichtssaal. Sie laufen parallel, sie kreuzen sich, und irgendwann kommt es zur Katastrophe. Kein Bedauern. Immer denkt er in Gefühlen, schreibt sie auf, um sie sich "später noch mal in Zeitlupe anzuschauen". Seine Gewaltfantasien dringen in die Realität ein und führen zum Tod. Der erste Roman des 1978 geborenen Björn Kern hat die Leichtigkeit des Popliteraten und die camussche Schwere eines Jungen, der schon alt ist. "Deine Geschichten", sagt Anna, "sind nicht schön, aber es ist schön, dass du sie mir erzählst."

Das Taschenbuch ist in einer Jugendbuchreihe erschienen. Das spricht für das Genre und gegen die Grenzen.

Andreas Steinhöfel: Defender - Geschichten aus der Mitte der Welt, Carlsen Verlag 2001, 198 S., 16,- e.

Auch Andreas Steinhöfel steht seit seinem erfolgreichen Roman Die Mitte der Welt (1999) im Niemandsland zwischen den Regalen. Geschichten und kleine Versuchsanordnungen aus der Jugend versammelt er hier, Momente, in denen etwas zerbricht und sich neu fügt. Die Fahrt zum alkoholkranken, sterbenden Vater, die Suche nach einem Freund als Souvenir, ein Verrat, weil der andere schwul ist, das Glück, beim Klauen im Supermarkt beobachtet zu werden. "Ob ich mich als Held meiner eigenen Lebensgeschichte herausstelle oder ob jemand anderem diese Rolle zukommt, werden die folgenden Seiten zeigen müssen ...", liest Johannes alias Defender in einem Roman. Andreas Steinhöfel steht mit einem Bein fest in der Welt seiner Jugendlichen.