Jörg Kurlbaum hat sein Notebook in der Cafeteria aufgeklappt. Erst checkt er seine E-Mails, dann schreibt der Informatikstudent ein paar Zeilen in das Programm, an dem er gerade mit einer Arbeitsgruppe werkelt. Ein Kabel braucht er dazu nicht. Der Bremer Campus ist seit Mai komplett mit einem drahtlosen Funknetz ausgestattet. Egal, ob in der Bibliothek, im Hörsaal, auf dem Sportplatz, im Wohnheim oder in der Cafeteria - überall gibt es den blitzschnellen und kostenlosen Zugang zum Internet und zum universitätsinternen Intranet. Fast 2000 der 18 000 Studierenden an der Bremer Universität haben schon einen tragbaren Computer in der Tasche, wenn sie auf den Campus kommen.

In den letzten zwei Jahren haben nahezu alle deutschen Hochschulen mit einem solchen Funknetz die Voraussetzung für die Entwicklung zur "Notebook-Universität" geschaffen. Doch wie diese Technik sinnvoll in der Lehre eingesetzt werden kann, ist noch kaum erprobt. Die Bremer Universität gehört zu den wenigen Hochschulen, an denen schon seit mehreren Semestern Erfahrungen mit der Notebook-Didaktik gesammelt werden. Zum Beispiel durch den Wirtschaftswissenschaftler Georg Müller-Christ. Der lässt seine Vorlesungen filmen und veröffentlicht sie anschließend zusammen mit den gezeigten Folien auf der Homepage der Universität. D-Lecture - digitale Vorlesung - heißt so etwas in Bremen. Wer die Vorlesung verpasst oder nicht verstanden hat oder wer sich in der Nacht vor der Prüfung noch einmal gezielt vorbereiten will, kann die D-Lecture jederzeit und überall abrufen.

420 Studierende haben im letzten Semester an der Prüfung zu Müller-Christs Vorlesung Organisation und Personal teilgenommen. Im Hörsaal erschienen waren jedoch nur 300, der Rest hatte rein virtuell studiert. Trotzdem fiel das Ergebnis der ebenfalls am Computer durchgeführten Prüfung nicht schlechter aus als in früheren Semestern - allerdings auch nicht besser. "Wir wissen nicht, ob die Studierenden mit Notebooks besser lernen", sagt Müller-Christ zurückhaltend, "wir wissen nur, dass sie anders lernen." Für viele berufstätige oder alleinerziehende Studierende sei das Angebot der D-Lectures ideal. Aber es gebe auch andere, die einsam vor dem Bildschirm einfach nichts kapierten: "Die brauchen das Fußballstadion, das soziale Umfeld."

72 Prozent der Studierenden finden D-Lectures gut, nur neun Prozent sind dagegen. Das hat Silvia Jarchow herausgefunden, die die Einführung virtueller Vorlesungen an der Bremer Universität wissenschaftlich begleitet. In ihrer ersten Auswertung stehen allerdings auch bedenkliche Sätze wie dieser: "Es besteht die Tendenz, sich zeitlich mehr mit der Form als mit dem Inhalt zu beschäftigen." Für die Aufzeichnung und digitale Aufbereitung einer zweistündigen Vorlesung seien insgesamt zehn Personen vier Stunden lang beschäftigt. Außerdem verändert die Kamera die Lernatmosphäre. Zwar gaben 84 Prozent der befragten Studierenden an, dass sie sich durch die Aufnahme des Dozenten nicht gestört fühlten, gleichzeitig waren aber nur 18 Prozent bereit, sich selber filmen zu lassen, während sie ein Referat halten.

D-Lectures funktionieren also nur als Frontalunterricht. "Aber der wird besser, denn mit der Aufzeichnung hält man sich permanent den Spiegel vor", hat Georg Müller-Christ festgestellt. "Fehler werden gnadenlos aufgedeckt, man ist einfach gezwungen, genauer zu formulieren."

Vorteil für Schüchterne

Seine Veranstaltungen seien durch den Notebook-Einsatz besser geworden, versichert auch der Bremer Informatikprofessor Jan Peleska. Er lässt sich nicht beim Vortrag filmen, sondern bildet mit den Studierenden ein spontanes Computernetz. Folien wirft er nicht mehr an die Wand, sondern lässt sie simultan über die aufgeklappten Notebook-Bildschirme aller Seminarteilnehmer flimmern. "Es herrscht dann eine Gruppenatmosphäre wie bei einem Expertengespräch", hat Peleska festgestellt. Auch die Studierenden würden sich viel eher an einen Vortrag trauen, wenn sie dafür nicht vorn an der Tafel stehen müssen, sondern hinter ihrem Notebook sitzen bleiben können. Und wenn Texte nicht mehr kopiert und verteilt, sondern direkt in die Notebooks der Studierenden geladen werden, kann man sie auch nicht mehr zu Hause vergessen. "Es ist sehr angenehm, dass alle immer alle Unterlagen dabei haben", sagt Peleska.