Frankreich will behalten, was es hat, und Deutschland nicht länger bezahlen, wofür es wenig bekommt: Kann man verstehen, oder? Paris will also keine Agrarreform in der Europäischen Union, Berlin fordert sie leidenschaftlich. Die Franzosen halten die EU-Erweiterung für bezahlbar, selbst wenn polnische Bauern wie ihre französischen oder deutschen Kollegen künftig Direktbeihilfen aus Brüssel bekommen. Bloß nicht, begehrt die deutsche Regierung auf, wer so rechne, treibe die Agrarsubventionen in die Höhe und damit den deutschen Anteil am EU-Budget, derzeit knapp ein Viertel von 100 Milliarden Euro.

Nur das übliche Geschacher in der Gemeinschaft, wie zuletzt 1999, als Franzosen und Spanier beim Berliner EU-Gipfel die unerfahrene, frisch gebackene Regierung unter Gerhard Schröder an die Wand spielten? Oder folgt jetzt dem "Krieg der Worte" (Financial Times) das Ende einer wunderbaren Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich? Der Streit zwischen Paris und Berlin um die Agrarreform, deren Konzept EU-Kommissar Franz Fischler am kommenden Mittwoch präsentieren wird, deutet darauf hin. Tatsächlich spielen beide Seiten falsch. Beziehungskrisen fangen gewöhnlich so an.

Zum Ersten: Die Berliner Agenda 2000 legte vor drei Jahren auch die Agrarpolitik bis zum Jahr 2006 fest, ausdrücklich mit Blick auf die Erweiterung. Schröder stimmte damals zähneknirschend einem Kurs zu, den er nun auf halber Strecke jäh ändern will - zum Leidwesen der künftigen Weggefährten aus Polen oder Ungarn.

Zum Zweiten: Mit der Agenda 2000 unterschrieben selbst die Franzosen den Einstieg in eine neue Agrarpolitik. Grob vereinfacht, zielt diese auf Abkehr vom Staatsdirigismus im grünen Europa. Aus Landwirten sollen Landschaftspfleger werden, Brüssel will künftig das Produkt "ländliche Lebenswelt" schützen und nicht länger die Produktion von Lebensmitteln bezuschussen, wie es in den Nachkriegshungerjahren bitter nötig war. Bis heute schleppt der EG-Vertrag in Artikel 33 dieses überholte Erbe mit sich, zum Nutzen der Bauern und zulasten der Union. Frankreichs Präsident Chirac, dessen lange Karriere einst im Landwirtschaftsministerium begann, schert das nicht. Diplomatische Milde für sein altes Denken? Keinesfalls. Fini, Monsieur le Président!

Lässt Schröder an 2 Milliarden die Osterweiterung scheitern?

Drittens: Beide Seiten pflegen nicht nur Interessen, sondern auch Legenden.

Schröder warnt vor "finanzpolitischem Chaos", wenn man mit 25 EU-Mitgliedern einfach so weitermache wie zu fünfzehnt. Zusatzkosten von zwei Milliarden Mark rechnet er vor. Frage, Herr Bundeskanzler: An diesem Betrag wollen Sie allen Ernstes die Erweiterung, "die historische Aufgabe unserer Generation" scheitern lassen? Die zwei Milliarden wären eine erstklassige Kapitalanlage, Deutschland würde sie als wichtigster Nachbar der östlichen Neumitglieder leicht wieder einspielen. Genau das sagen maliziös auch die Franzosen und pflegen munter die Legende, das Projekt eines grande Europe sei nur eine deutsche Idee, die Paris nichts angehe. Welch Kleingeist bei einer Nation, die einst ganz Europa faszinierte.