Es ist nicht gut, wenn man zu viel Bücher auf einmal missbilligt

vollends misslich ist es, wenn man die Bücher, die man missbilligt, nicht richtig gelesen hat, ja vielleicht nicht einmal kennt. Erich Loest (Wider die Dunkelmänner unserer Zeit, ZEIT Nr. 25/00) wirft Volker Braun ein unfrohes Verhältnis zu der - im Verhältnis zu alten Zeiten - doch so glänzenden Gegenwart vor und macht, Lichtmensch durch und durch, seinen Tadel an zwei Sätzen des Autors fest. "Da ist kein Land für mich", lautet der eine

der andere: "Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen."

Wo das steht, sagt er uns nicht

weiß er es denn selber? Nach einigem Suchen finde ich die Sätze in Brauns Dresdner Rede vom Februar 2002 (Zur Sache: Deutschland hieß die Matinee-Reihe, der sich sein Vortrag zuordnete)

sie ist abgedruckt in seinem neuen Prosa-Band Wie es gekommen ist (Suhrkamp 2002). Es ist ein Text, der immer wieder die Bezugsebenen wechselt und sich ein - per Fußnote als solches gekennzeichnetes - Zitat aus dem 1982 geschriebenen Stück Die Übergangsgesellschaft einfügt, das 1986 am Berliner Maxim Gorki Theater Furore machte als eine nur zu genaue Lage- und Stimmungsbeschreibung der stagnierenden DDR. "Es mag vorwärtsgehn, aber da ist kein Land für uns", sagt dort (in dem Stück und in jenem Zitat, Seite 163 des Buches) eine Figur und fährt fort: "Es ist besetzt, hier (schlägt sich an den Kopf) eine Kolonie.

Wir zahlen Tribut, an die tote Zukunft ... Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen." Das ist eine Anspielung auf den Namen jenes Petrograder Kriegsschiffes, dessen Kanonen am 7. November 1917 das Signal zur Revolution gaben: Aurora. Die Theaterbesucher von 1986 verstanden den Bezug aufs Wort, Erich Loest scheint vorauszusetzen, der Autor habe mit Morgenröte das Jahr 1990 gemeint. An ihrem Ende geht Brauns Dresdner Rede auch auf die deutsche Gegenwart ein