Was ist das - zum Teufel - nur mit diesen Buddenbrooks, dass man sie alle paar Jahre wiederlesen möchte, einfach so, obwohl gar keine Zeit dafür ist, ja dass man das Lesen im literarischen Sinn überhaupt an diesem Buch lernen kann, obwohl es doch unter einem mehr als hundert Jahre alten bürgerlichen Firnis verborgen liegt. Das Interesse am Historischen befriedigt es nur unzureichend, niemand liest es, der die 48er-Revolution in Lübeck studiert oder den Kapitalismus nach der Reichsgründung oder den Typhus bei Heranwachsenden. Der stille Glanz des Romans hat mit Lebenszusammenhängen zu tun, die durch Textur und Zeit hindurch fühlbar geblieben sind, mit Familiarität und Anderssein, mit sorgsam gehegten und doch aufs äußerste gefährdeten Persönlichkeiten, mit Möglichkeiten auch des eigenen Daseins, die noch offen stehen oder die zu ergreifen man verabsäumte, kurz: mit etwas, das nicht auf den klaren Punkt gebracht, sondern nur als Geschichte erzählt werden kann, als eigene Geschichte.

Es musste so kommen - und Thomas Mann war vielleicht der letzte Klassiker, der noch dem Sekundärwissen trotzte -, aber jetzt hat sich im Rahmen der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe ein wahrhaft großer, 743 Seiten starker Kommentar über den Roman gesenkt wie dichtes Gewölk über die Trave.

Damit kein Zweifel aufkommt: ein großes wissenschaftliches Werk, verdienstvoll und erschöpfend, eine reife Leistung - und ein großer Sieg der Philologie über die zauberhaftverschämte Neigung der Literatur, ihre Geheimnisse zu wahren. Wer am Niederdeutschen der einen oder anderen Figur verzagte oder an ihrem Münchner Dialekt, studiert nun bequem die Übersetzung.

Im Grunde ist alles gesagt über die Buddenbrooks. Beschwiegen darf das Werk und im Reich-Ranickischen Sinne bewundert werden. Schleiermachers "unendliche Aufgabe" des Verstehens: gelöst.

Aber das geheimnislose Buch wäre ein dummes Buch, und Thomas Mann hat wohl nicht auf informierte, sondern auf gebildete Leser gerechnet, ein wenig Schopenhauer und Nietzsche, und man kann den Irrungen der Gestalten problemlos folgen, ohne ihnen auf den Grund gehen zu wollen, wo am Ende womöglich gar keiner ist. Diese Zurückhaltung im Erklären ist eine Art Respekt vorm Leben im Roman und zugleich der Respekt des Lesers vor der relativen Undurchsichtigkeit der eigenen Individualität - die Bedingung seines Leserglücks. "Ja, das köstlichste, was der Mensch hat, die innere Zufriedenheit selbst hängt, wie jeder leicht wissen kann, irgendwo zuletzt an einem solchen Punkte, der im Dunkeln gelassen werden muß, dafür aber auch das Ganze trägt und hält, und diese Kraft in demselben Augenblicke verlieren würde, wo man ihn in Verstand auflösen wollte." Schrieb Friedrich Schlegel.

Bei allem Respekt vor der Wissenschaft: Es ist so.