Drei Tage nachdem ich einen Artikel über Sophie Calle gelesen hatte, ging ich einkaufen. Der Beitrag handelte von der Zusammenarbeit der französischen Künstlerin mit dem Schriftsteller Paul Auster, der in Leviathan eine Figur nach ihrem Vorbild gestaltet hat. Sophie Calles Kunst besteht aus kuriosen Projekten: Einem Mann, den sie sympathisch, aber schlecht angezogen fand, schickte sie über längere Zeit eine neue Garderobe. Einen Tag ließ sie sich von einem Detektiv überwachen. Ein anderes Mal fand sie ein Adressbuch, dessen Besitzer sie zu ermitteln versuchte, indem sie die darin verzeichneten Nummern anrief.

Als ich aus dem Supermarkt kam, entdeckte ich eine dunkelblaue Tasche. Sie lag zwischen den mickrigen Sträuchern der Avenue des Gobelins im 13. Pariser Arrondissement. Die Tasche sah billig aus, die Außenfächer waren umgestülpt und leer. Im Innern fanden sich: ein Paar Frotteehandschuhe, eine schwarze Bürste, in der rot gelockte Haare hingen, Taschentücher, zwei Packungen Sekundenkleber, ein schwarzer Kajalstift, ein beigefarbener Lippenstift, ein kleines Plastikfläschchen Eau de Toilette der Marke Jaipur, das sehr süßlich roch, ein schwarzer, langer Baumwollrock, zwei hautfarbene, halterlose Damenstrümpfe, ein schwarzer Minirock, ein Korken, eine angebrochene Packung mit Rachentabletten, sechs Diaphragmen, vielleicht vier zig Kondome. Und schließlich drei Zettel und eine Visitenkarte mit vier Handynummern.

Die Tasche gehörte wohl einer Frau, die als Prostituierte arbeitete. Ich nahm an, dass sie gestohlen und dann weggeschmissen worden war, überlegte, zur Polizei zu gehen, und wenn die Telefonnummern nicht gewesen wären, hätte ich es auch getan. So aber dachte ich an Sophie Calle. Ich wollte die Besitzerin finden oder zumindest etwas über sie erfahren. Der Entschluss war schnell gefasst, zur Ausführung fehlte mir der Mut. Mit gestohlenen Handtaschen von Prostituierten hatte ich wenig Erfahrung, und möglicherweise steckte noch mehr dahinter. Ich unternahm erst mal nichts, und bald hatte ich die Tasche vergessen. Das war im März letzten Jahres.

Im November las ich wieder einen Artikel über Sophie Calle. Ein Galerist hatte die Künstlerin zu einem Remake des Detektiv-Projekts überredet. Mir fiel die Tasche ein, die ich, obwohl ich mittlerweile mehrmals umgezogen war, noch immer besaß. Die Zeit hatte meine Zweifel getilgt, und so wählte ich die Nummer von Fred.

Sie stand auf der Visitenkarte neben einigen Symbolen, die eine Verbindung zum Film nahe legten - Kamera, Klappe und Videokassette. Wenn diese Geschichte ein Krimi wäre, hätte sich ein schmieriger Pornoproduzent gemeldet. Fred sagte, er sei im Transportgeschäft tätig. Als ich ihm erklärte, woher ich seine Nummer hatte, entgegnete er, dass er in seiner Branche mit sehr vielen Leuten zu tun habe. Die bemerkenswerte Zahl von Kondomen half ihm auch nicht weiter. Er habe damit nichts zu schaffen.

Danach rief ich Béné an. Béné musste mindestens fünfzig sein, wenn nicht älter. Sie wirkte besorgt und sehr hilfsbereit. Ihr fiel auf Anhieb niemand ein, der eine Tasche vermisste, sie versprach aber, sich umzuhören.

Ich probierte derweil die dritte Nummer, Michel. Es lief ein Anrufbeantworter mit einer Stimme, die sagte: Hier ist der Anschluss der Ballettgruppe. Ich nahm an, dass die Stimme Michel gehörte und er wohl der Choreograf der Ballettgruppe sei.