Mittagspause in der Schule Kaisaniemen Ala-aste, nicht weit vom Hauptbahnhof Helsinkis entfernt. Hunderte kleine finnische Lesewunder strömen auf den Hof.

Wie immer werden die Schüler gemeinsam zu Mittag essen, danach trennen sich die Wege. Die einen besuchen Fördergruppen - in den Fächern, in denen sie unter dem Klassenniveau liegen. Oder sie nehmen an Kursen wie Tanzen und Musik teil, denn die Ala-aste bietet zusätzlich zum Programm der einheitlichen finnischen Gesamtschule viele Stunden musischen Unterricht an.

Um 15 Uhr wird der Unterricht beendet sein. Die Schule schließt dann aber noch lange nicht. Heute werden zahlreiche Schüler die Bibliothek aufsuchen, schließlich beginnen in wenigen Tagen die großen Ferien und finnische Kinder sind - wie die internationale Schulstudie Pisa (Programme for International Student Assessment) gezeigt hat - die eifrigsten Leser unter allen Schulkindern der Welt.

Auch in Finnland mögen die Mädchen vor allem Pferde- und andere Tiergeschichten und die Jungen Krimis. Und alle lesen das Kalevala, das finnische Nationalepos. Es handelt vom Kampf und von der Versöhnung von Tieren und Waldgeistern mit Hexen- und Menschenvolk. Die Helden versprechen, eines Tages mit einer Zaubermühle zurückzukehren. Gold und Mehl und Salz soll sie mahlen. Eine neue Kantele werden sie bringen. Die flügelförmige finnische Zither wird alles Leben mit ihrer Musik verzaubern. Mit strahlendem Licht werden sie wiederkommen, da doch die Nordlandherrin in ihrem Zorn Sonne und Mond versteckt hat. Der nationale Mythos ist Pflichtlektüre. Er unterscheidet sich so sehr vom Schlachtengemetzel des Nibelungenliedes wie die in sich gekehrten Jungen und Mädchen auf diesem finnischen Schulhof von den in den Pausen befreit aufschreienden Schülern deutscher Schulen.

Die Starken fordern und die Schwachen fördern

Über den Ansturm auf die Schulbibliothek freut sich Kristiina Siimes, 32, obwohl sie die Bibliotheksleitung zusätzlich zu ihrem Amt als Klassenlehrerin übernommen hat. In ihrer dritten Klasse sitzen 32 Kinder, die Neunjährigen, denen sie 24 Stunden Unterricht in der Woche erteilt, Schwerpunkte sind Finnisch und Mathematik. Alle Kinder müssen Schwedisch sowie eine zweite Fremdsprache lernen. Zwei weitere Sprachen können dazugewählt werden. Die meisten entscheiden sich für Englisch, Deutsch oder Französisch. Den Begabtesten gibt die Lehrerin eigene, schwierigere Aufgaben. Einmal in der Woche üben die Kinder im Computerraum. Im nächsten Jahr werden die Besten der Klasse eine Homepage gestalten. Aber die Lehrerin fordert nicht nur die Starken, sie fördert auch die Schwachen. Acht Kinder erhalten von ihr Sonderunterricht in Mathematik, vier in Finnisch. "Keiner darf zurückbleiben", sagt Kristiina Siimes, "das verlangt auch mehr Einsatz von den Lehrern."

Wenn einzelne Schüler ihre Hausaufgaben vernachlässigen, trifft sich die Lehrerin mit ihnen nachmittags in der Schule. Schüler, die schwere Probleme haben, überweist sie an eine "Lösungsgruppe". Sie setzt sich aus einem kommunalen Kurator, einem Schulpsychologen, einem Lehrerassistenten, einer Gesundheitsfürsorgerin, einem Sonderpädagogen, einem Schullaufbahnberater und einem Arzt zusammen.