Eines der beschämendsten Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Hetze, die konservative Kreise im Jahre 1961 gegen den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt veranstalteten. "Eines wird man doch aber Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir gemacht haben." So tönte der CSU-Politiker Franz Josef Strauß im Februar in Vilshofen, und der damals noch amtierende Bundeskanzler Konrad Adenauer überbot diese Infamie noch, als er am 14. August, einen Tag nach dem Mauerbau, während einer CDU-Kundgebung in Regensburg, auf Willy Brandts uneheliche Herkunft und sein skandinavisches Exil anspielend, von "Herrn Brandt alias Frahm" sprach.

Was der so heftig Geschmähte während der Emigration gemacht hatte, das kann man nun im ersten Band der Berliner Ausgabe seiner Schriften, Reden und Briefe nachlesen. Bearbeitet und eingeleitet von Einhart Lorenz, Historiker an der Universität Oslo (der bereits 1989 eine fundierte Untersuchung zum Thema verfasst hat), dokumentiert er das Wirken Willy Brandts in den Jahren des norwegischen Exils zwischen 1933 und 1940.

Am Anfang stehen freilich die Artikel, die der Gymnasiast für den Lübecker Volksboten, das von Julius Leber redigierte sozialdemokratische Lokalblatt, schrieb, bevor er im Herbst 1931 aus Enttäuschung über den Tolerierungskurs gegenüber der Brüning-Regierung die SPD verließ, um sich der neuen linken Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) anzuschließen. "Ich bin zum Leidwesen meiner Lehrer die letzten Jahre immer meiner eigenen Wege gegangen", heißt es im Abituraufsatz von 1931/32. In ihm findet sich auch der bemerkenswerte Satz, der bereits das Motto der ersten Regierungserklärung des späteren Bundeskanzlers anklingen lässt: "Politische Demokratie allein gibt es aber nicht. Soziale und kulturelle Demokratie gehören zur wirklichen Demokratie hinzu." Der Deutschlehrer bewertete den Aufsatz mit "sehr gut". Er hatte ein besseres Gespür für das Schreibtalent seines Schülers als der Direktor des Lübecker Johanneums, der die Arbeit auf "gut" zurückstufte.

Warum hat Hitler gesiegt?

Proben seines Talents legte Willy Brandt schon bald nach seiner Ankunft in Oslo Anfang April 1933 ab. In erstaunlich kurzer Zeit lernte er die fremde Sprache

neben seiner politischen Arbeit für die SAP-Exilorganisation schrieb er zahlreiche Artikel für Zeitungen der norwegischen Arbeiterbewegung. Darin suchte er das Publikum über die aktuellen Entwicklungen in Hitler-Deutschland ins Bild zu setzen. Wie viele andere deutsche Linke stand Brandt damals mit seinen Faschismusanalysen noch ganz im Banne vulgärmarxistischer Kapitalismuskritik. "Der todkranke deutsche Kapitalismus hat die Macht an seinen Lakaien übergeben", heißt es in einer Broschüre Warum hat Hitler gesiegt? vom Juni 1933. Andererseits teilte er nicht die verbreitete Vorstellung, dass die Nazis bald abgewirtschaftet haben würden: "Alles deutet darauf, dass die faschistische Diktatur nicht eine Frage von Wochen und Monaten ist, sondern von Jahren."

Keinerlei Illusionen machte sich Willy Brandt auch darüber, dass die deutsche Arbeiterbewegung 1933 eine vernichtende Niederlage erlitten hatte. Hart ging er mit der Politik der SPD und der KPD ins Gericht, die keine Kraft zum Widerstand, schon gar nicht zum gemeinsamen, gegen die faschistische Bedrohung gefunden hatten. Noch härter aber kritisierte er die Gewerkschaftsführer, die in den Monaten nach der "Machtergreifung" versucht hatten, ihre Organisationen zu retten, indem sie sich bei den Nazis anbiederten. "Das bittere Ende war die willige Unterwerfung unter den Faschismus, der dies nicht mit Dankesbezeugungen beantwortete, sondern erst mit Spott und dann mit Vernichtung."