Berlin

Als Mann der Mitte ohne Hang zu Polemik und Konfrontation hat sich Edmund Stoiber in den vergangenen Monaten präsentiert. So sehr war er in der Rolle des ernsthaften, sachorientierten, moderaten Politikers aufgegangen, dass manche seiner Anhänger schon ein wenig nervös wurden. Der als kantig gepriesene Kandidat wirkte stromlinienförmig. Genau darin aber lag bislang das Erfolgsgeheimnis seiner Kampagne. Stoiber verzichtete auf Konfrontation, ja fast auf Wahlkampf - und bot seinen Gegnern keine Angriffsfläche. Der anfängliche Versuch von Kanzler und SPD, Stoiber als Polarisierer und Spalter vorzuführen, geriet zur Groteske des beginnenden Wahljahres, die ein auf Mitte getrimmter Kandidat Lügen strafte. Als milder Konsenspolitiker, so schien es, wollte Edmund Stoiber das Kanzleramt erobern. So war er schon immer, behaupten seine Berater.

Dass der Kandidat nicht ohne weiteres in der Rolle des Milden aus dem Süden aufgeht, hat er kürzlich auf dem CDU-Parteitag bewiesen. Der "Klischee-Stoiber", das zeigte die Frankfurter Kandidatenrede, ist nicht einfach verschwunden, er ist bei Bedarf reaktivierbar. Konfrontativ, polemisch und populistisch warb er in Frankfurt um die Zustimmung der großen Schwesterpartei. Vielleicht waren es die Erleichterung und das Hochgefühl des Redners, die ihn so plötzlich in den Agitator verwandelten, den man aus seinen früheren bayerischen Auftritten kannte. Wie Stoiber im Zusammenspiel mit einem johlenden Saal auf die einzelnen Mitglieder der Regierung eindrosch und jeden Gedanken an eine zweite Amtszeit für die rot-grünen "Versager" als Vorstufe politischen Irrsinns brandmarkte, fiel aus dem Rahmen der bisherigen Kampagne.

Es sind die traumatischen Erfahrungen der Spendenaffäre und zugleich die Aussicht auf eine triumphale Wende am 22. September, die die Seelenlage der Union beherrschen. Stoiber weiß damit umzugehen: "Rot-grün wollte der CDU das moralische Rückgrat brechen." Vom "hohen moralischen Ross herab" habe man der Partei das Recht absprechen wollen, bei den "großen politischen Fragen" überhaupt noch mitreden zu dürfen. Die Verletzungen der vergangenen Jahre verwandelte der Frankfurter Redner in kaum verhohlene Aggression. "Alle, die uns angreifen, sollen wissen, dass wir bei aller Fairness auch in der Lage sind, Unfairness zurückzuschlagen." Die Union kann wieder drohen und einschüchtern - mit dieser unterschwelligen Botschaft formierte Stoiber die noch immer verunsicherte CDU. Auch mit herabwürdigenden Äußerungen zum politischen Gegner. "Wir alle wissen doch, was die Versprechen des Machtopportunisten Schröder wert sind", stellte Stoiber die Regierungsbeteiligung der PDS in Aussicht.

Auch die Euro-Millionäre aus den Vorstandsetagen der Konzerne müssen sich jetzt hin und wieder ein paar polemische Bemerkungen gefallen lassen, damit sich Stoiber als Mann der Mitte und Kandidat der kleinen Leute inszenieren kann. Am entgegengesetzten Ende des sozialen Spektrums stehen noch immer die Einwanderer. Kein noch so sehr auf Ausgleich angelegtes Kandidatenprofil hindert Stoiber daran, die Lasten der Ausländerintegration mit demagogisch aufbereiteten Zahlen zu dramatisieren und sich selbst als Anwalt einer restriktiven Einwanderungspolitik anzupreisen. Erstmals hat er in Frankfurt auch die Integration der Ausländer als unzumutbare Last für die sozial Schwächsten in den Wahlkampf eingeführt. Selbst auf dem kleinen Parteitag der CSU, vergangenes Wochenende in Fürth, reichte der Kandidat nicht an das polemische Niveau heran, das er vor der Schwesterpartei demonstriert hatte.

Als wolle Edmund Stoiber seinen Frankfurter Auftritt konterkarieren, präsentierte er sich eine Woche danach schon wieder ganz staatsmännisch. Man muss sagen, er beherrscht den Rollenwechsel. Redete er in Frankfurt wie einer auf dem Sprung an die Macht, zwang er sich in Berlin zu einer fast schon präsidialen Perspektive: "Dem Wandel Richtung geben" lautete das Motto, unter dem der Kandidat seine weiter reichenden politischen Vorstellungen zum Besten gab. "Über den Horizont einer Legislaturperiode hinausblicken", "über das Morgen und Übermorgen nachdenken", das war die Absicht. Kein schnöder Wahlkampf also. Aber natürlich war auch der Auftritt im Französischen Dom Teil der Kampagne - gerade weil er so gar nicht laut daherkam, im Kontrast zu Frankfurt.

Deutschland gibt "nicht mehr den Takt des Fortschritts vor", lautet Stoibers nicht allzu überraschende Diagnose: "Wir haben vielmehr Probleme, Schritt zu halten. Und wer heute sagt: ,Weiter so!', der verteilt ein politisches Beruhigungsmittel, das kurzfristig betäubt, aber langfristig vergiftet."