Dieses Jahr werde ich radikal sein. Egal, ob mich alle als Extremistin beschimpfen. Ich werde es tun. Ich werde mein Mobiltelefon nicht mit in die Ferien nehmen. Ich werde sie mir nicht versauen lassen, die größten, schönsten und seltensten Momente. Dieses Jahr wird mir der vergrätzte Steuerberater nicht den Sonnenuntergang zulabern. Diesmal nicht. Und es soll mir auch keiner mit diesem gut gemeinten Ja, dann stell's doch einfach aus kommen. Als ob das irgendeiner länger als unbedingt nötig fertig brächte.

Wer ein Handy besitzt, ist auch davon abhängig. Stell's doch aus ist so, als riete man einem Alkoholiker, die Flasche einfach zugekorkt mit sich herumzutragen. Wahrscheinlich wird mir der Entzug die ganze Erholung verderben. Wie ein reuiger Raucher, der keine Zigaretten mehr kauft, aber die ganze Zeit von anderen schnorrt, werde ich Handys von fremden Badetüchern schnappen und so tun, als sei alles gut. Aber alles besser als ständige Erreichbarkeit.

Immerhin kann man heutzutage erkennen, wer einen in den privatesten Situationen stört. Es ist mir ein Rätsel, wie die Menschheit die dunkle Periode vor Erfindung des Anrufbeantworters durchgestanden hat. Das Telefon klingelte anonym, und man war dem Anrufer hilflos ausgeliefert. Wenn es dann wieder nur der keifende Vermieter war, biss man sich in die Faust vor Wut, dass man überhaupt abgehoben hat.

Heute warnt mich mein Display. Die ganz unliebsamen Zeitgenossen habe ich unter no gespeichert. Ich weiß also Bescheid, wenn es klingelt, aber was dann? Wegdrücken? Abweisen? Elegant auf die Mailbox gleiten lassen? Das merkt inzwischen auch der Unkundigste und ist beleidigt. Wegdrücken gilt als niederträchtig, ist das Pendant zur zugeknallten Haustür. Man kann sich langjährige Freundschaften damit verderben. Die Möglichkeit, das Handy unter ein schalldämpfendes Sofakissen zu schieben und minutenlang klingeln zu lassen, macht sich in Gesellschaft auch nicht gut. Ganz vertrackt wird es, wenn anonymisierte Anrufer klingeln. Das sind diejenigen, die ständig weggedrückt wurden, als sie durch ihre Nummer auf anderer Leute Display noch erkennbar waren. Damit sie überhaupt mal jemanden erreichen, lassen sie ihre Nummer unterdrücken und verlassen sich darauf, dass die Neugierde siegt. Eine Frechheit. Zum Glück haben manche Betreiber reagiert und bieten für solche Fälle eine wahrheitsgemäße Ansage an: Der Teilnehmer wünscht Sie im Augenblick nicht zu sprechen.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD