Hongkong

Mit der Bahn nach Hongkong - ein paarmal am Tag war das möglich, in nahezu menschenleeren Zügen, die vor der atemberaubenden Kulisse dieser subtropischen Küstenlandschaft über die Schwellen ihrer einsamen Gleise rumpelten. 13 Jahre ist das jetzt her. Damals, im Frühjahr der chinesischen Studentenrevolte, als der Reporter zwischen den Massendemonstrationen in der kapitalistischen Kronkolonie und dem tapferen, hoffnungslosen Protest in der südchinesischen Prozinz Guangzhou hin und herpendelte, lagen Welten zwischen Hongkong und der kommunistischen Volksrepublik China.

Mit der Bahn nach China im Sommer 2002. Fünf Jahre nach Rückgabe der Kronkolonie fahren die Züge aus der Hongkonger Sonderverwaltungszone zum Grenzübergang Lo Wu im Dreiminutentakt, moderne S-Bahnen voller dicht gedrängter Passagiere. Trotz des neu ausgebauten Grenzübergangs mit seinen über hundert Kontrollschaltern sind lange Wartezeiten die Regel. Eine halbe Million Hongkonger passiert hier jede Woche die streng bewachte Grenze, um unter normalen chinesischen Verhältnissen Glück und Profit zu suchen.

Hongkonger Hausfrauen sind zum billigen Einkauf unterwegs, Rentner und junge Paare suchen nach günstigen Eigentumswohnungen in der angrenzenden Boomtown Shenzhen, Geschäftsleute besuchen Fabriken und Nebenfrauen im Hinterland von Guangdong. Es ist, als wollten sie alle bloß weg aus ihrer Stadt - eine Abstimmung mit Füßen über die Zukunft Hongkongs.

"Die goldenen Zeiten sind vorbei. Hongkong ist nicht mehr das Tor Chinas zur Welt", klagt der Geschäftsmann Bernard Luk, der seit vielen Jahren eine amerikanische Handelsfirma in Hongkong vertritt. Leuten wie Luk, der fließend Englisch, Kantonesisch und Mandarin spricht, verdankt Hongkong seinen Ruf als freieste und effizienteste Wirtschaftsmetropole Asiens. Fast jeden Tag reist Luk über die Grenze in Lo Wu, um neue Verträge zu zeichnen und seine Lieferanten auf Trab zu halten. Doch sein Geschäftseifer ist getrübt von Sorgen: Fünf Stunden würde jede seiner Containerlieferungen von den Grenzbehörden seiner Stadt aufgehalten, er selbst könne abends oft nicht nach Hause, weil die Grenzschalter um Mitternacht geschlossen werden. "Die Hongkonger Regierung will nicht, dass wir jenseits der Grenze unsere Geschäfte machen. Wir verlieren unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Nachbarhäfen Shenzhen und Shanghai", sagt Luk.

Fünf Jahre nach seiner Rückgabe an China durch die englischen Besatzer steht Hongkong vor einer ernüchternden Bilanz: Die "Perle Asiens" mit ihrem futuristischen Hochhausprofil und der beeindruckenden Küstenkulisse steckt in der Krise. Depression und Tristesse, wo früher Zuversicht und Überschwang den Seelenzustand des Stadtwesens prägten. Vorbei ist die Zeit von Designer-Mode und Yuppie-Kultur: In den Straßenzügen des neuen Finanzviertels Central, wo die Cocktail-Bars vor fünf Jahren jeden Abend so voll waren wie morgens die Fischmärkte im alten Hafenviertel Sheung Wan, bleiben die Tresen sogar während der Fußballweltmeisterschaft die meiste Zeit leer. Nur bei den Englandspielen regte sich Begeisterung - als wolle die Stadt noch einmal auf ihre gute alte Zeit als britische Kronkolonie anstoßen.

Kein Vertrauen in die Zukunft