Deutschlands Fußballer verlieren, und die Nation jubelt. Das ist die paradoxe Bilanz einer ungewöhnlichen Fußballweltmeisterschaft. Rudi Völlers Team ist Vizeweltmeister, bezwungen lediglich von den brasilianischen Zauberern, denen die Deutschen ein fabelhaftes Widerspiel lieferten. Die Fans triumphieren. Die Flaggen in Schwarz-Rot-Gold waren im ganzen Land ausverkauft. Die meist jugendlichen Fahnenschwenker, unter ihnen viele junge Frauen, wirkten nicht bedrohlich oder gar aggressiv, sondern fröhlich und entspannt. Selbst die journalistischen Kritiker, die dürftige Leistungen des deutschen Teams bis ins Halbfinale moniert hatten, feiern mit. Keine Spur von Verkniffenheit, kein Anflug von Selbstkasteiung, kein ritueller Verweis auf die gebräuchlichen deutschen Tugenden Kampf und Disziplin, mit denen, wie schon so oft, das Schöne an sich, der elegantere Gegner bezwungen wurde. Ein Land, soeben noch in melancholischer Grundstimmung, verströmt Gelassenheit, feiert seine geschlagenen Helden - und besiegt nebenbei die gängigen Klischees über sich selbst. Mit einem Schlag ist ein ganzes Koordinatensystem durcheinander geraten. Plötzlich sind die Spieler nicht mehr die "Panzer", die Teutonen mit dem allzu breiten Brustkorb (nur die Holländer und Briten sehen das so wie eh und je). Was ist geschehen? Brauchten wir erst die Niederlage im Finale, um uns selbst sympathisch zu werden?

Das Glück der Verlierer

Das Rätsel, warum eine Fußballmannschaft und mit ihr ein ganzes Land vom verkrampften Kampf in wenigen Wochen zur Freude am Spiel fand, wird die Feuilletons und sportbegeisterte Soziologen beschäftigen. Die Tatsache, dass erstmals eine deutsche Mannschaft ohne kollektive Erwartungshaltung ins Rennen um eine Weltmeisterschaft ging, spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Nationalelf, seit dem inzwischen mythischen 3 : 2-Sieg von 1954 über Ungarn Projektionsfläche für zahlreiche Formen deutscher Selbstvergewisserung und Selbstzweifel, wurde zum Symbol liebevoller, fast mitleidiger Anteilnahme. "Macht nichts", lautete der voreilige Trost, den die Fans ihren Kickern mit auf den Weg nach Japan und Korea gaben. Und diese liefen im Endspiel den düsteren Prognosen der Experten davon, mit Glück gewiss, jedoch sichtlich entspannt und beseelt von dem wunderbaren Gefühl, nicht versagen zu können, weil sie nicht siegen müssen. Ein neues Gefühl, das offenbar in der Lage war, nicht nur die Elf, sondern auch die dazugehörige Nation zu stimulieren. Rudi Völler hat mit seiner Truppe bewiesen, dass mangelnder Leistungsdruck durchaus leistungsfördernd sein kann. Ein Wunder in Pisa-Zeiten. Und während seine Minimalisten der Vorrunde im Finale zu Maximalisten emporstiegen, geschah auch zu Hause Ungewöhnliches: Selbst die Straßen und Plätze füllten sich mit spielerischer Leichtigkeit. Türkische Autokorsos, brasilianische Sambatänze, deutsche Freudengesänge - ein Multikulti-Spaß im ganzen Land.

Das Tremolo der Kritiker

Die Begeisterung schwappte zurück an den fernen Ort ihres Ursprungs. Als beim festlichen Bankett im deutschen Mannschaftshotel in Yokohama weit nach Mitternacht der Bundeskanzler "auch im Namen meines Herausforderers" aufmunternde Worte an die Kicker richtete, klatschte der bayerische Herausforderer am Kanzlertisch amüsiert Beifall, obwohl diese Verbalvereinnahmung vorher nicht besprochen war. Und auch die Mannschaft, an der Spitze ihr Teamchef Völler, zeigte sich, nach einer kurzen Phase der Erschöpfung, bei bester Laune. So entstand im Morgengrauen in Yokohama für einen Moment ein Modell neuer deutscher Gewaltenteilung: Kaiser Franz sang, der Kanzler tanzte, und der Kandidat tröstete Oliver Kahn.

Was fehlte, war das Tremolo der Kritiker. Aber es wird schon bald zu hören sein: Wie stolz dürfen wir eigentlich sein? Gehört Fußball etwa zur Leitkultur? Und was ist mit den Arbeitslosen? Wer wird von der kollektiven Glückseligkeit profitieren? Der Kanzler? Der Kandidat? Oder gar die ganz Rechten? Ach, machen wir's doch lieber wie die Brasilianer: Es ist zwar alles furchtbar ernst, aber vor allem ist es - ein Spiel. Entspannen wir uns!