Millionen Deutsche wissen noch nicht, wen sie am 22. September wählen wollen. Die alten Parteiloyalitäten haben sich verflüchtigt. Der Stammwähler der Volksparteien, zumal der SPD, ist auf Wanderschaft. Parteiprogramme interessieren ihn kaum. Er will persönlich überzeugt werden - möglichst in vergleichenden Gesprächen mit Politikern. Auch das ist ein Grund für die Amerikanisierung der Wahlkampagnen, der zu Unrecht belächelten Charakter-Duelle. "Er oder ich": Alles weist auf einen bundesweiten Wettkampf zweier politischer Phänotypen hin - hier der spontane Kanzlerkumpel, dort Mr.

Sorgsam, ein Held aus Max Webers soziologischem Hohelied auf die deutsche Beamtenschaft.

Diskurstheoretiker der repräsentativen Demokratie mögen die Verengung von Politik auf Personen beklagen, doch es bleibt dabei: Leicht zu mobilisierende, klassenspezifische Interessenlagen der Wähler - hier die Arbeiter, dort die Kapitalisten - haben sich aufgelöst. Auch den gleichgestimmten Mittelstand gibt es in Wirklichkeit nicht, und die Neue Mitte ist nur noch eine alte Parole. Die Wählerschar ist so fragmentiert wie ihre Ansprüche an den Staat.

Nichts besseres bleibt den Volksparteien übrig, als mit der Persönlichkeit ihrer Kanzlerkandidaten zu werben. Doch sie vertrauen allzu sehr den elektronischen Medien, vom Internet bis zur Talkshow, statt einer anderen amerikanischen Wahlkampfmaxime zu folgen: pressing flesh, der Körperberührung der Kandidaten mit den "Menschen draußen im Lande" (Willy Brandt). Bis zum 22. September soll Schröder auf 40 Großveranstaltungen auftreten. So viel verkraften amerikanische Präsidentschaftsbewerber in drei Wochen.

Wahlkämpfe sind das politische Selbstgespräch jeder Demokratie. Sie sind auch Lehrstunden für die Kanzlerkandidaten. Abgeschottet in ihren Machtgehäusen und der inszenierten Realität ihrer Marketingberater, verlieren sie leicht den Kontakt zum Bürger und seinen Sorgen. Sabine Christiansen kann ihn nicht ersetzen. Der direkte Weg zum Wähler ist kräftezehrender als der Umweg über die "Glotze". Doch er führt mit größerer Sicherheit ins Kanzleramt als der kalte Charme von Bildschirm-Debatten. Der leibhaftige Wähler erzieht zur Ehrlichkeit. Er kann zuhören, will gehört werden - und die Fernbedienung lässt er daheim.