Spider-Man ist nicht jedermanns Sache. Nicht alle stehen auf Superhelden, und für manchen enthält der Film "zu viele Effekte". Was nicht jeder Kinogänger weiß: Die visuellen Zaubereien beschränken sich längst nicht mehr auf das Science-Fiction-Genre. Kräftig in die digitale Trickkiste greifen die Produzenten auch bei Filmen, die angeblich die Wirklichkeit so wiedergeben, wie sie ist - etwa bei dem Tierfilm Nomaden der Lüfte. Mal musste aus Gründen der "continuity" ein Stück Küste entfernt werden, mal geriet eine Brücke durch den Aufnahmewinkel in wilde Schwingungen und verlangte nach Stabilisation. Dazu kamen noch ein paar Kamerawackler, Wasserspritzer und andere Missgeschicke, die allesamt von der Berliner Postproduction-Firma tvt ausgebügelt wurden. Allein die Tiere ließ man so, wie sie waren. Weder wurde die Zahl der Kraniche erhöht noch die der Gänse reduziert. Und anders als in Spider-Man, wo die Türme des World Trade Center aus Pietätsgründen aus den Bildern entfernt wurden, sind die Gebäude in Nomaden der Lüfte nach wie vor aus der Vogelperspektive zu sehen. Bei tvt spricht man deshalb nicht von Special Effects, sondern von "behutsamen Retuschen".

Mit manipulierten Bildern im Tierfilm hat Thomas Haegele keine Probleme, denn für ihn steht fest: "Was ich im Film sehe, ist nie real." Ganz gleich, ob es sich um einen Spielfilm, eine Dokumentation oder eine Nachrichtensendung handelt, man habe es immer mit medial gefilterten Bildern zu tun, die aus dem Kontext heraus bewertet werden müssten. Haegele ist Leiter des Instituts für Visual Effects der Filmakademie Baden-Württemberg und Programmchef der fmx, einer internationalen Tagung für Special-Effects-Experten, die kürzlich zum neunten Mal in Stuttgart stattfand.

Suche nach digitalen Brandstiftern

Auch heute noch schlagen sich Filmemacher mit Makeup, Modellbauten und Pyrotechnik herum, doch wenn irgend möglich, begeben sie sich direkt auf die Bildebene. Dort können sie mit so genannten visuellen Effekten arbeiten und Dinge, Personen oder Situationen auf Film bannen, die es in dieser Form nie gegeben hat. Oder sie setzen ganz auf virtuelle Realität und verwenden computergenerierte Bilder, auch CGI genannt (computer generated images).

Die Vorteile der im Rechner erzeugten Bilder liegen auf der Hand: Zum einen lassen sich wie im Falle von Titanic (1997) aufwändige Studio- und Modellbauten einsparen und Stunts verwirklichen, die keine Versicherung mehr decken würde. Zum anderen sind waghalsige Kamerafahrten wie die in Spider-Man nur in Verbindung mit computergenerierten Gebäuden möglich. Auch in der Nachbearbeitung gehören CGI inzwischen zum Standard: Hat der Kameramann über den Bühnenrand hinaus gefilmt, wird das Set eben nachträglich erweitert.

Eine der größten Herausforderungen im Bereich der CGI ist die Kontrolle über die Elementargewalten. Himmel und Erde sind zwar längst kein Thema mehr - Berge, Wüsten, Wälder, Hochhäuser, Wolken und blauer Himmel werden ständig manipuliert oder von Grund auf am Bildschirm erschaffen -, doch Feuer und Wasser sowie alle Arten von Unwetter haben es in sich. Selbst wenn der bislang eindrucksvollste digitale Rauch in Pearl Harbor über die Leinwand quoll: Das Feuer im Rechner hat der Mensch indes noch nicht im Griff. Auch der Code für digitales Wasser ist noch nicht geknackt. "Wir haben zwar den Film The Perfect Storm gesehen, aber nicht das perfekte Wasser", sagt zum Beispiel die Effekt-Spezialistin Karen Goulekas (Godzilla, Apollo 13, Spider-Man) über den Katastrophenfilm von Wolfgang Petersen, der in Deutschland unter dem Titel Der Sturm in die Kinos kam.

Man könnte das als Kampfansage deuten, schließlich hat sich Karen Goulekas bei ihrem nächsten Projekt mit fast allen Aggregatzuständen von Wasser herumzuschlagen: Roland Emmerich dreht mit The Day After Tomorrow einen apokalyptischen Film über den Treibhauseffekt, und Goulekas darf als Wettergöttin für Hagel, Gewitter, Erdbeben und Tsunamis sowie die nächste Eiszeit sorgen. Wenn wie damals bei Apollo 13 (1995) hinterher selbst Fachleute fragen, wo sie die atemberaubenden Archivbilder ausgegraben hat, dann haben sie und ihr Team ganze Arbeit geleistet - und die Grenze zwischen Realität und Fiktion ein wenig durchlässiger gemacht.