In Worms am Rhein ist dieser Tage nichts mehr, wie es einmal war. Immer häufiger bilden sich kleine Menschenansammlungen vor dem Hagendenkmal am Ufer des lindgrünen Stromes, an eben jener Stelle, wo Deutschlands düsterster Held den Schatz der Nibelungen im Rhein versenkt haben soll. Und es sind nicht nur die üblichen Tagestouristen, sondern durchaus auch Einheimische, die das mit reichlich Patina versehene Standbild mustern, um in dem grimmigen Antlitz des behelmten Hagen die Züge von Mario Adorf zu erkennen.

Der Mythos hat Besuch bekommen. Mit einer Mischung aus Wunder und Schrecken drehen sich die Gewohnheitswormser auf der Straße um, wenn der Tross der Schauspieler zum Festspielhaus zieht, wo derzeit das große Nibelungenjubiläumsspektakel in einer Bearbeitung von Moritz Rinke geprobt wird. Nicht nur Adorf ist dabei, auch Maria Schrader als Kriemhild, André Eisermann als Giselher und Dieter Wedel als Regisseur. Seit die Burgunderkönige hier herrschten und den Drachentöter Siegfried für ihre Schlachten engagierten, hat man sich in den hiesigen Cafés nicht mehr so den Hals verrenkt.

Die Wormser erleben die Renaissance ihrer Geschichte am eigenen Leib. Über 150 Statisten werden zur Zeit gecastet. Fast jeder hat einen Verwandten oder Bekannten, der in dem Spektakel auf die eine oder andere Weise mitwirkt.

Eine Stadt im Ausnahmezustand, so, als hätte ganz Worms nur darauf gewartet, dass die Mär aus großen alten Zeiten wieder wachgeküsskt wird.

Dabei hatten die braven Bürger von Burg den Mythos nie vergessen. Er war vielmehr Alltag geworden. In Worms gehen die Kinder zur Nibelungenschule. Die Straßen sind nach den alten Helden benannt. Es gibt eine Siegfried-Apotheke, die Unverwundbarkeit verspricht, und das Ausflugslokal Hagenbräu am Rhein, wo von Kriemhilds Lenden bis hin zu Spätzle Burgunderfluch die ganze Geschichte auf der Speisekarte steht. Und zum Nachtisch empfiehlt sich dem ungläubigen Gast ein Eisbecher Tarnkappe.

Die Stadt Worms hat ein elefantöses Gedächtnis. Sie erinnert sich ausgiebig und gern. Das weiß keiner so gut wie André Eisermann, seines Zeichens Schauspieler und Sohn einer ortsansässigen Schaustellerfamilie. Er hat die historische Gelegenheit beim Schopf gepackt und wird nicht nur Schwerter schwingend auf der Bühne stehen, sondern auch in Giselhers Schwenkgrill eigenhändig pfälzische Saumagenwürstchen wenden, um sie dem geschichtenhungrigen Publikum in die Faust zu drücken. Wenn sein Beispiel Schule macht, dürfte Worms in diesem Jahr einen zweiten mythologischen Schub erhalten - dank der neuen deutschen Helden aus Film und Fernsehen.

Die nibelungentreuen Wormser werden es ihnen nicht vergessen. Es ist damit zu rechnen, dass schon in naher Zukunft der Tagesausflügler im Rinkebräu am Rhein Platz nimmt, um sich an Schraders Lendchen satt zu essen, bevor er ein paar Schritte weiter zum Adorfdenkmal schlendert. Dort wird er eine Weile stehen und Deutschlands beliebtesten Schauspieler anstaunen, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass der alte Hagen eigentlich ein ganz liebenswürdiger Herr war.