Steffen Kopetzky investiert all seine erzählerische Energie ins Textmanagement und produziert aus dröger Verlautbarungsprosa einen hohlen Roman

Beim Wiederlesen seiner frühen Storys nach zwanzig Jahren erlitt Thomas Pynchon als mittlerweile schläfengrauer Herr und hero der literarischen Postmoderne einen kleinen Schock. "O mein Gott", durchfuhr es ihn. Die Geschichten seien schrecklich ermüdend, "jugendlich-unreif und sogar kriminell". Die Hauptfiguren synthetisch und einfach nicht lebendig und interessant genug, um zu tragen. Die Sprache preziös, effekthascherisch. Und die Konstruktion auf einen Begriff zu gründen wie Entropie, wovon er im Übrigen so gut wie nichts verstanden habe, und nachträglich mit Leben zu füllen, sei "schlicht ass backwards, arschverkehrt".

Warnende Worte des Meisters, in pädagogischer Absicht an die Adresse junger literarischer Zauberlehrlinge gerichtet. Ihr Effekt dürfte allerdings marginal gewesen sein im Vergleich zur geradezu mesmerisierenden Wirkung, die seine großen Romane ausgeübt haben. Auf Steffen Kopetzky (Jahrgang 1971) zum Beispiel. Er hat zwei beachtliche Romane geschrieben über den hypochondrischen Geisteszustand unserer Kultur. Dann kam die Pynchon-Offenbarung über ihn. O my god, durchfuhr es ihn in Wellen von Lust und Schmerz. Einmal ein solches Buch landen, einmal den Stier so bei den Hörnern, das faule Europa so an "den Enden der Parabel" packen in seiner prallen paranoischen Wirklichkeit - und man wär mit einem Schlag raus aus dem Limbus der lauen, vom Spiegel gecoverten Gegenwartstalente.

Buchstäblich um Längen voraus ist Kopetzky jetzt den Kollegen. 735 großflächig bedruckte Seiten zählt sein neuer Roman Grand Tour, nur wenige Seiten also unter der Pynchon-Marke in Mason & Dixon. Auch das Personal ist erheblich angewachsen. Gut zwei Dutzend Figuren werden auf dem Spielfeld bewegt, die eins gemeinsam haben: Sie treiben alle ein mehr oder weniger falsches Spiel. Und das schmiedet sie zu einer großen Familie zusammen im Haus Europa, in dem Palast der Lügen und Intrigen, der kleinen und großen Machenschaften, die hier die Geschichte antreiben und ihre Verwicklungen ausmachen, ganz wie im richtigen Leben, ganz wie in der großen Geschichte.

Ein Neurosenkavalier

Da ist Leo Pardell, ein freundlicher, verlotterter, etwas blasser Student Anfang dreißig, ein aufgemunterter Widergänger von Krampas, dem Helden aus Kopetzkys letztem Roman Einbruch und Wahn. Er hat schon ein Flugticket nach Argentinien in der Tasche, wo er einen Sprachkurs belegen und dann eine tolle Karriere machen will. Doch daraus wird nichts, er ist einer Scheinfirma aufgesessen. Um seiner Exfreundin, an der er als glückloser Liebhaber immer noch hängt, zu imponieren, hält er die Fiktion, in Argentinien zu sein, aufrecht. In Wahrheit heuert er (wie einst der Autor selbst) als "Springer" (sprich: stets einsatzbereiter Schlafwagenschaffner) bei der Münchener Sektion der Compagnie des Wagons-Lits an und liest auf seinen Touren kreuz und quer durch Europa dicke Schmöker über Buenos Aires, um seine Telefonlügen abzusichern und (netter Einfall) um seiner Freundin nahe zu sein. "Denn Juliane dachte ihn dort. Er dachte an Juliane. Wo war er also?"

Die Compagnie mit ihrem europaweit verzweigten Streckennetz steckt den Ereignisraum des Romans ab. In ihm kreuzen sich die (Flucht-)Wege der Protagonisten, koalieren oder interferieren ihre Bedürfnisse und Obsessionen.