Der Waschlappenhalter im Bad - eines Tages fällt er runter. Die geklebte Sammeltasse - nach dem ersten Spülen klaubt man die Einzelteile aus dem Geschirrspüler. Kleben gilt landläufig als Notbehelf. Niemand würde das Flicken eines Gummibootes oder das Ankleben eines Schuhabsatzes für technisch perfekt halten. Wer etwas auf sich hält, kauft genähte Schuhe. Da weiß man, was man hat. Im Gegensatz dazu weiß der Besitzer eines neuen 7er BMW wohl nicht, was er hat: nämlich ein geklebtes Auto. In diesem Spitzenprodukt der deutschen Automobilindustrie sind kiloweise Klebstoffe verborgen. Insgesamt 140 Meter Klebnähte halten den Luxusschlitten zusammen. Mit dem Hinweis, dass auch moderne Flugzeuge geklebt werden wie Modellflieger, wäre der Mann wohl kaum zu trösten.

Heimlich, still und leise hat das Kleben in vielen industriellen Bereichen begonnen, die herkömmlichen "Fügetechniken" - wie Nageln, Nieten, Schrauben und Schweißen - zu verdrängen. Das wird nicht an die große Glocke gehängt, weil das Image des Klebens nicht das allerbeste und der Hinweis auf eine Klebnaht nicht gerade ein Wettbewerbsvorteil ist. Dennoch gibt es mittlerweile für jede Branche und jede Anwendung spezielle Wunschkleber mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. Insgesamt 25 000 Klebstoffe sind es weltweit, vielleicht auch schon 30 000, denn jeden Tag kommen neue hinzu.

Auf dem Bau beispielsweise, kündigte der Klebstoffhersteller Henkel soeben an, könnten Mörtel und Nägel bald der Vergangenheit angehören. Ein neu entwickelter Spezialkleber verbindet schwere Balken und heftet selbst dicke Ziegelsteine an die Wand. Die kleben sofort und zuverlässig - und sind doch während der Abbindezeit mit etwas Druck wieder vom Untergrund zu trennen.

Muss der traditionsreiche Beruf des Maurers künftig in den des Klebers umbenannt werden?

Derweil ist Sureurg Khongtong und Gregory Ferguson, Forschern der Lehigh University im amerikanischen Bethlehem (Pennsylvania) vor wenigen Tagen die Realisierung eines alten Kleister-Traums gelungen: Im Journal of the American Chemical Society präsentierten sie den ersten "an- und abschaltbaren" Klebstoff der Welt. Das Prinzip ist simpel: Bei Erwärmung verliert der neue Leim einen großen Teil seiner Haftkraft - bei Abkühlung kehrt diese wieder zurück. Mit einer solchen Technik ließen sich künftig Klebverbindungen - etwa zum sortenreinen Trennen einzelner Komponenten beim Recycling - einfach und elegant wieder lösen.

Das Kleben, prophezeit Andreas Groß, werde zur "fügetechnischen Schlüsseltechnologie des Jahrhunderts" avancieren. Groß leitet das Klebtechnische Zentrum des Fraunhofer Instituts für Angewandte Materialforschung (Ifam) in Bremen, europaweit eine der rührigsten einschlägigen Forschungsstätten. Und für ihn steht außer Frage, dass die "sanfte Fügetechnik", wie er sie nennt, eine ganze Reihe von Vorteilen hat.

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