Eigentlich passt es nicht zusammen: der Kursverfall an den Aktienbörsen und die Anzeichen für einen Wirtschaftsaufschwung. Und da sich die Konjunktur nur zögernd erholt, geht die Angst um, dass der Kurs-Crash das Wachstum gleich mit unter sich begraben könnte. Eine begründete Furcht?

Für das Geschehen an der Börse gibt es eine gute Begründung. Die Aktienkurse nähern sich seit dem Platzen der Spekulationsblase wieder realistischen Bewertungen, die dem langfristigen Wachstumstrend der Volkswirtschaften entsprechen. Und in den sinkenden Aktienkursen sehen der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Europäische Zentralbank (EZB) aus gutem Grund ein Risiko für die Konjunktur.

Der wichtigste Kanal für das Zusammenwirken von Börsenentwicklung und realer Wirtschaft ist der so genannte Vermögenseffekt: Vermögensgewinne führen zu einem Anstieg des privaten Konsums und damit zu Wirtschaftswachstum.

Vermögenseinbußen lösen dagegen bei den Konsumenten eine Kaufunlust aus - mit entsprechend dämpfender Wirkung auf die Volkswirtschaft.

Vor allem in Amerika stärkte der Vermögenseffekt in den neunziger Jahren das Wirtschaftswachstum. Dort macht der private Konsum heute immerhin rund siebzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Als sich die Amerikaner während des Börsenbooms durch ihren Aktienbesitz immer reicher fühlten, gaben sie zeitweilig sogar mehr Geld für ihren Konsum aus, als sie überhaupt verdienten - sie entsparten vorübergehend.

Mangels hinreichender Erfahrungen sind sich Ökonomen jedoch unsicher, in welchem Ausmaß und in welchen Fristen der private Verbrauch gebremst wird, wenn die Kapitalanlagen weniger wert werden. Es kann einige Jahre dauern, bis der Effekt eintritt. Entscheidend dafür sind Umfang und Dauer der Börsenbaisse.

Immerhin hinterließ die schwache Aktienkursentwicklung in Deutschland schon bis Ende 2001 "gravierende Spuren" im Geldvermögen der privaten Haushalte, wie die Bundesbank konstatierte. Sie bezifferte die "bewertungsbedingte ,Vermögensreduktion'" auf die enorme Summe von 160 Milliarden Euro innerhalb von zwei Jahren. Und in diesem Jahr sind die Kurse weiter gesunken. Rüdiger Pohl, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, weist jedoch darauf hin, dass der Verlust für viele Sparer nur auf dem Papier steht, weil sie ihre Aktien als langfristige Anlage weiterhin halten. Dadurch wird der Vermögenseffekt vermindert.