Sein Bekenntnis trägt Christian Mercier überm bierschwangeren Bauch. Die flandrische Fahne als T-Shirt-Motiv: Vlaanderen und Flandre umrahmen den schwarzen Löwen auf gelbem Grund. Mercier ist militant flamand, kein politischer Haudegen, sondern ein Aktivist, der dafür kämpft, dass im Norden Frankreichs das historische Flandern weiterlebt, dass flämische Lebensart und Sprache nicht völlig vergessen werden. Deswegen gab er seinen Beruf als Chefbuchhalter auf und eröffnete das Estaminet Het Blauwershof im nordfranzösischen Dorf Godewaersvelde. Nicht vorrangig, um Bier zu verkaufen, sagt der Patron mit dem schulterlangen Haarzopf, sondern um die Traditionen unserer populären Kultur wiederzubeleben.

Die Schänke brummt. Großfamilien, junge Leute, alte Bekannte schätzen die Atmosphäre: schwere dunkelbraune Holztische, gehäkelte weiße Gardinen, ein emailleverzierter Ofen, Zeichnungen von Windmühlen an den Wänden und natürlich die flandrische Fahne hinter dem Tresen. Der Arbeiter im Blaumann schaut nach Feierabend auf eine blonde, ein Pils, vorbei, der Schlipsträger mit Aktenkoffer bekommt seinen Rotwein. Die Kellnerin bringt als Tischset Pieter Breughels Bauernhochzeit und dann Coq à la bière, einen gewaltigen Hähnchenschlegel in sämiger Biersauce, die Fritten türmen sich über den Schüsselrand, das Weißbier schäumt. Aus dem Lautsprecher kommt Musik vom Dudelsack. Im Hinterzimmer gibt es manchmal Hahnenkämpfe und Sprachkurse in Flämisch.

Der vor dem Wasser floh

La Flandre vit, Vlaanderen leeft (Flandern lebt) steht auf Merciers Visitenkarte. Männer wie er passen gut in die Landschaft des Jahres: Unter dem Motto Das alte Flandern - eine Landschaft mit Zukunft adelte die Organisation Naturfreunde Internationale (NFI) die belgisch-französische Grenzregion im Dreieck Lille, Brügge und Dünkirchen. Mit der Auszeichnung wollen die Naturfreunde die Entwicklung der Region fördern, deren gemeinsame Lebensart sich trotz wechselnder Grenzen über Jahrhunderte erhalten hat, wollen das Selbstbewusstsein der Menschen, ihre Besinnung auf alte Traditionen stärken und Touristen in das vernachlässigte Hinterland der Kanalküste locken.

Schon seit 1989 kürt der 600 000 Mitglieder starke Verband alle zwei Jahre eine grenzüberschreitende und ökologisch wertvolle Region in Europa. Als die Wahl auf Flandern fiel, runzelten jedoch ein paar Naturfreunde die Stirn.

Denn die Region ist keine strahlende Ferienlandschaft mit bekannten touristischen Sehenswürdigkeiten, und auch kein Naturparadies. Die Intensivierung der Landschaft, der Transitverkehr und der saisonale Massen- und Ausflugstourismus an der Nordseeküste, erklärt NFI-Generalsekretär Manfred Pils, gefährden die Umwelt und Lebensqualität.

Was Pils meint, wird auf einer Exkursion nach de Panne schnell klar. Die mit gesichtslosen Appartementhäusern zubetonierte belgische Küste ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Umweltzerstörung. Übrig geblieben sind gerade 340 Hektar Dünenlandschaft an der Grenze zu Frankreich. Sie wurde im Jahr 1957 zum Naturschutzgebiet De Westhoek erklärt. Doch auch hier stößt die Natur überall an ihre Grenzen: Eingekesselt vom Betonschutzwall auf der Meerseite, von Wohnwagenkolonie und Campingplatz, dem Vergnügungspark Plopsaland und wuchernden Wohnblöcken des Badeorts de Panne. Wir verwalten nur Überreste, bekennt der Naturwächter Marc Leten, der trotzdem unverdrossen und engagiert mit interessierten Gruppen durch die Dünen stapft.