Zwei Tote, 100 Verletzte und 160 Festgenommene: So lautet die Bilanz der blutigen Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten, die Argentinien Mitte Juni erschütterten. Dahinter verbergen sich Schicksale wie das des 25-jährigen Maximiliano Costeki. Er verblutete in der Bahnhofshalle von Avellaneda, einem Stadtteil von Buenos Aires. Das zweite Opfer hieß Daro Santillán und war gerade einmal 21 Jahre alt. Er wurde von Polizisten hinterrücks niedergeschossen, als er sich um seinen am Boden liegenden Kameraden Costeki kümmerte. Das beweisen Film- und Fotoaufnahmen. Die Männer mussten sterben, weil sie in der Arbeitslosenbewegung aktiv waren und an diesem Tag eine Brücke in der Hauptstadt besetzen wollten.

Mit Straßenblockaden oder piquetes machen arbeitslose Argentinier seit fünf Jahren auf ihre Misere aufmerksam. Ihre Aktionen sind inzwischen ein Gradmesser für Elend und Hoffnungslosigkeit im krisengeschüttelten Argentinien geworden. Mehr als 1600 piquetes wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gezählt - so viele wie nie zuvor.

Die Menschen wissen sich kaum noch zu helfen: Die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Landes ist gescheitert, die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit wächst und der Peso verliert an Wert, sodass die Preise weiter steigen. Inzwischen lebt die Hälfte der Argentinier unterhalb der Armutsgrenze, und "mehr als fünf Millionen Menschen drohen zu verhungern", sagt José Nun, argentinischer Politologe und Wirtschaftswissenschaftler.

Ein Kilo Müll bringt zehn Cent

Es ist so weit gekommen, dass im einst reichsten Land Südamerikas viele Menschen vom Müll anderer Leute leben. Es trifft Argentinier wie den 40jährigen Francisco Monzón, der früher als Kellner und Maurer gearbeitet hat. Heute zieht er mit Pferd und Karren durch die Straßen von Buenos Aires, durchsucht die Müllsäcke am Straßenrand und nimmt mit, was er verkaufen kann: Wein- und Bierflaschen, alte Zeitungen, Verpackungen. Damit hält er sich, Frau und vier Kinder über Wasser. Seine Ausbeute bemisst sich in Cent-Beträgen. Für ein Kilo Glas bekommt er fünf Centavo, ein Kilo Papier und Karton sind 35 Centavo wert, umgerechnet etwa zehn Cent. An guten Tagen verdient Monzón bis zu 20 Peso, knapp 6 Euro.

Müllsammler gab es schon zu Beginn der anhaltenden Wirtschaftskrise des Landes vor vier Jahren. Doch heute sind es mehr denn je, und während sie früher die ärmeren Außenbezirke der Städte nach Verwertbarem absuchten, kommen sie heute mit ihren Karren auch in die Wohnviertel der Wohlhabenden.

Nicht alle haben dabei so viel Glück wie Monzón. Ihm hat ein Freund Pferd und Karren gegen das Versprechen überlassen, das Tier zu ernähren und beschlagen zu lassen. Andere ziehen ihre Karre selbst oder mit Hilfe von Frau und Kindern. Pferd und Wagen kosten 800 Peso - für viele eine unbezahlbare Investition.