Im HexenkesselSeite 2/2

sein Kollege Manuel Quero dagegen, ebenfalls zu den elf Tänzern der Compagnie gehörend, flirtet in seiner Barockparodie The Maids of Honour so unverfroren mit dem Publikum, dass man sich ständig fragt, wer hier eigentlich auf den Arm genommen werden soll: die höfische Koketterie oder die Geltungssucht allgemein oder man selbst ganz speziell. In ausgelassenen Bewegungskanons wird die Theatralik menschlichen Verhaltens vorgeturnt, wir kochen im choreografischen Hexenkessel, und trotzdem ist auch Platz für das Erhabene, das Einfach-Schöne.

Es ist die Mischung aus Lässigkeit und Formwillen, die das Folkwang-Studio heute so besonders macht. Man möchte am liebsten den Kulturphilosophen Herbert Marcuse aus dem Orkus heraufbitten, damit er sehe, wie das von ihm so leidenschaftlich angeprangerte Grundübel der bürgerlich-repressiven Kultur, die "Unterwerfung der Sinnlichkeit unter die Herrschaft der Seele", überwunden wird. Ohne Kurt Jooss hätte das allerdings noch lange dauern können. Man muss zwar Henrietta Horn, seit 1999 künstlerische Leiterin des Folkwang-Studios, verstehen, wenn sie sich wünscht, ihr Ensemble würde endlich einmal ohne den Traditionszusammenhang rezipiert. Aber viel dringender wäre, dass ihr Ensemble endlich herauskäme aus den Rückzugsorten des ambitionierten Tanzes, damit man Folkwang nicht nur an der Essener Hochschule oder im Hamburger Bullerdeich 12 erleben kann, wo das Ensemble zwischen seinen gefeierten Auslandsgastspielen mitunter auftritt. Kurt Jooss soll ruhig weiter verehrt werden, denn er hat am klarsten die Freiheit des Ausdruckstanzes definiert: Vor Konvention muss man sich hüten, aber vorm zwanghaft Unkonventionellen erst recht. Sonst bleibt einem irgendwann nur noch das Verstummen beziehungsweise Erstarren. Und dann legt man sich womöglich noch eine Axt auf den Kopf.

 
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