Am Ende der Zukunft beherrschen die Amerikaner nur noch vier Dinge besser als alle anderen: "Musik/Filme/Software/schnellstmögliche Pizzalieferung frei Haus". Los Angeles besteht aus einem Konglomerat von Miniaturstaaten, die bis an die Dachtraufen bewaffnet ihren Lebensstil gegen die Armen und den Rest der Welt verteidigen. Sie sind "so klein, so unsicher, dass fast alles, zum Beispiel wenn man den Rasen nicht mäht oder die Stereoanlage zu laut aufdreht, zu einer Frage der nationalen Sicherheit wird". Im leeren Raum zwischen den Festungszellen dieser "Burbklaven" bestaunen Obdachlose die Auftritte bewaffneter Sicherheitstruppen, marodierender Gangster und derer, die den Verkehr seltener Waren in Gang halten: der Kuriere und Auslieferatoren. Die Welt ist scharf geteilt in eine Mehrheit, die sich mit "dem Brennen von Lehmziegeln oder AK47-Zerlegen" beschäftigt, und eine privilegierte Zehnpromille-Minderheit, die computergestützt in die Parallelwelt des Metaversums abdriften kann. Snow Crash ist einer der ersten Romane, deren Handlung in der "realen" und der virtuellen Welt zugleich spielt.

Neal Stephenson veröffentlichte Snow Crash 1992 in den USA, auf Deutsch kam es 1994 und 1995 heraus, und außer einigen intellektuellen Schlachtenbummlern der neuen Technologien hat es damals kaum jemand wahrgenommen. Jetzt, in der Bugwelle von Stephensons furiosem Cryptonomicon, dem 2001 erschienenen historischen Abenteuerroman, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel einer verschworenen Gruppe von Kryptografen aufdröselt, ist Snow Crash als Taschenbuch wieder da - und erweist sich durch und durch als Meisterwerk geistreicher Unterhaltung.

Wie jede gute Science-Fiction enthält Snow Crash eine Menge Satire auf die Gegenwart. Als Krimi fällt es beinahe so sehr aus dem Rahmen wie seinerzeit Conan Doyles Geschichten um Sherlock Holmes. Diese verschafften der jungen Wissenschaft der Kriminalistik den Nimbus der Untäuschbarkeit Snow Crash mythologisiert die Computertechnologie. Doch ist es gerade der Unterschied zu Conan Doyle, der Stephenson so faszinierend macht. Sein Held Hiro Protagonist agiert nicht als wissenschaftsgläubiger Optimist, Hiro ist ein tapferer Loser, der seine Konjunktur bereits hinter sich weiß, der Letzte einer Avantgarde von Garagentüftlern, die glaubten, mit jedem neu geschriebenen Programm ein Stück freiere Zukunft zu basteln. Mit melancholischem Stolz gibt Hiro "Letzter freiberuflicher Hacker" als Berufsbezeichnung an: Die Kumpels von früher schuften entweder als Programmiersklaven für Monopolfirmen oder verdauen in Luxusvillen ihre Kapitalrenditen.

Einen dieser alten Kumpel erwischt der "Snow Crash" als Ersten. Eine plötzlich auf seinem Bildschirm auftauchende Lawine von Informationsschnee löscht nicht nur die Programmierung seines Computers, sondern befällt auch sein Gehirn. Der Hacker-Guru und Besitzer des exklusivsten aller virtuellen Clubs im Metaversum wird in die debile Hülle seiner selbst verwandelt - und Snow Crash breitet sich weiter aus. Dieser Virus überschreitet die säuberliche Trennung zwischen virtueller und biologischer Welt: Verletzungen der virtuellen Kunstpersönlichkeit (Stephenson benutzt hierfür den Begriff Avatar) führten bis zum Auftreten von Snow Crash schlimmstenfalls zum Absturz des heimischen Computers, jetzt hat eine virtuelle Attacke auf den Avatar tödliche Konsequenz für seinen Besitzer.

Die Bedrohung seines Kosmos reißt Hiro aus dem hektischen, aber ungefährlichen Alltag als Pizza-Auslieferator und 3-D-Gestalter von Open-Street-Konzerten. Im Kampf gegen einen diabolischen schwarzen Ritter und die nahe Infokalypse ist Hiro als der Allerbeste gefragt. Doch selbst sein kalifornisch gestählter mens sana in corpore sano - Hiro ist nicht nur der schlaueste Hacker, sondern (dank teiljapanischer Herkunft) auch der größte Schwertkämpfer aller Zeiten - würde unterliegen, hätte er nicht solche Verbündete wie das toughe Kuriergirl Y. T., die mit ihrem bodendynamischen Skateboard alle Hindernisse überwindet.

Anspielungsreich und flott geschrieben, bietet Snow Crash intellektuelles Vergnügen: Der rettende Code gegen den Virus muss aus der Geschichte des Turmbaus zu Babel geborgen werden. Denn die Bösen, die schon bald identifiziert sind, können erst geschlagen werden, wenn Hiro nicht nur die Funktionsweise des biologisch-virtuellen Virus entschlüsselt, sondern auch das Gegenmittel aktiviert hat. Diese Kombination von Schwertkampftechnik, Computermythologie und Keilschrift-Linguistik macht Stephenson so schnell keiner nach.

Neal Stephenson: Snow Crash Aus dem Englischen von Joachim Körber Goldmann TB, München 2002 534 S., 9,90 e