Wer erinnnert sich an den PR-Auftritt von Tony Blair bei Sabine Christiansen in der ARD - damals im Mai, als die Starmoderatorin ihren britischen Stargast mit Allgemeinplätzen, staatsmännischem Grinsen und Werbung für Gerhard Schröder davonkommen ließ? Christiansen soll es nicht leicht gehabt haben.

Aus ihrer Redaktion drangen Klagen, dass sie stark von außen beeinflusst worden sei: vom Kanzleramt und von Alastair Campell, Blairs PR-Chef, der diktiert haben soll, was gefragt werden durfte und was nicht. Wenn es wirklich so war, hat sich Blair garantiert gewundert, wie zahm Deutschlands Topinterviewerin ist. Mit Jeremy Paxman und Nick Campell von der BBC und mit John Snow (Channel 4) wären Vorab-Deals unmöglich. Sie fragen, stets live, was sie wollen - die Politiker müssen sich warm anziehen. Deutschland steckt dagegen in einer Interviewkrise! Das Fernsehen serviert fast nur softe Talks.

Und die Zeitungen drucken Interviews, die meist nie stattgefunden haben, weil ihr Originalwortlaut gewöhnlich in späteren Autorisierungen umgeschrieben wird. Eine Unsitte übrigens, die in Großbritannien ebenfalls undenkbar wäre.

Dagegen hilft nur unbeirrbarer Journalismus und Anstinken gegen den Druck von oben. Einen schönen Anfang macht die Bild-Zeitung, die am 7. und 8. Juli ihr Doppelinterview mit Schröder und Stoiber im Originalwortlaut drucken will. Da es noch schwer fällt, das zu glauben, sollte Bild die Tonbandaufnahmen des Interviews ins Internet stellen! Dann hätte Bild nach 50 Jahren wirklich großen Dank verdient.