Vertiefung und Erweiterung - das waren seit einem halben Jahrhundert die Bewegungsmomente des europäischen Einigungsprozesses. Ohne Hängen und Würgen ist es dabei nie abgegangen, oft genug auch nicht ohne handfeste Krisen. Das war bei der Vertiefung so, aber erst recht bei der Erweiterung. Schon den sechs Gründernationen der Brüsseler Gemeinschaft ist es nicht leicht gefallen, neue Mitglieder in den Klub aufzunehmen.

Das gilt für die erste Erweiterungsrunde, die 1973 zur Aufnahme Englands, Dänemarks und Irlands führte. Es gilt ebenso für 1981, als die Griechen, und 1986, als die Spanier und die Portugiesen dazustießen. Selbst dem Beitritt Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn des Jahres 1995 gingen langwierige Verhandlungen voraus. Da darf es niemanden wundern, dass auch jetzt kräftig gestritten wird, wo zwölf so unterschiedliche Länder wie Polen, Slowenien und Zypern an die Brüsseler Tore pochen.

Es ist paradox: Der erste Aufruf zur europäischen Einigung kam nach dem Zweiten Weltkrieg aus England, aber das Vereinigte Königreich stemmte sich dem Integrationstrend fast anderthalb Jahrzehnte entgegen, brauchte doppelt so lange, um endlich aufgenommen zu werden, und ist bis heute eher ein unruhiger Zaungast als ein voll engagiertes Mitglied.

Es war der britische Kriegspremier Winston Churchill, der im September 1946 in Zürich den hungernden, in den Ruinen ihrer zerstörten Länder hausenden Europäern das Ziel der Vereinigung vorgab: "Wir müssen", so lautete sein Appell, "die europäische Familie in einer regionalen Struktur neu erschaffen, die vielleicht die Vereinigten Staaten von Europa heißen wird."

Eine enge französisch-deutsche Partnerschaft hielt er für die Grundvoraussetzung der europäischen Wiedergeburt. Englands Platz allerdings sah er außerhalb der von ihm vorgeschlagenen Union, im Commonwealth. "We are with Europe, but not of it", hatte er schon 1930 argumentiert. Dabei blieb er auch 1946. Und wie er dachten die Premierminister Ihrer Majestät noch bis weit in die siebziger Jahre hinein.

Als die sechs Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Luxemburg und die Niederlande 1955 in Messina beschlossen, über die Gründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zu verhandeln, höhnte ein hoher Whitehall-Beamter: "Der künftige Vertrag, über den Sie verhandeln, wird keine Zustimmung finden. Wenn er Zustimmung finden sollte, würde er nicht ratifiziert werden. Sollte er doch ratifiziert werden, hätte er keine Chance, auch umgesetzt zu werden. Würde er aber dennoch umgesetzt, so wäre er für England gänzlich unannehmbar."

Frankreich gegen England