Der Mann, der mir im Juli 1977 im ersten Stock eines grauen Mietshauses in der Lackierergasse in Wien die Tür öffnet, ist flüchtig rasiert. Offenes weißes Hemd, Kassenbrille, schwarze Hosen, Wollsocken in Schnürstiefeln. Er sieht eher aus wie ein Arbeiterveteran. "Haben Sie es gefunden?", sagt er mit einer sehr hellen, scharf konturierten Stimme. "Ein Wunder. Mich kennt hier niemand."

Er geht in die Küche, um Tee zu kochen. Das Parkett knarrt. In zwei einfachen Regalen weniger Bücher als bei jedem Philosophiestudenten, auf dem Sofa die Wolldecke. Der Schreibtisch: ein altes Küchenmöbel, von den gedrechselten Beinen blättert die weiße Farbe. Darauf die Maschine, deren Tasten er seit Jahren nur noch mit Bleistiften drücken kann, die er zwischen die arthritisch gekrümmten Finger klemmt. Eine Exilantenwohnung.

Als er mit dem Tee kommt, deutet er auf die Wand hinter mir. "Ich will Ihnen erklären, was dort hängt", sagt er mit altmodisch pathetischer Geste. Ich sehe ein angekohltes Stück Papier mit japanischen Schriftzeichen ("Das wurde aus den Trümmern von Hiroshima gezogen") und ein weißes, bedrucktes Seidentuch: "Ich habe es bei der Prozession in Kyoto benutzt, es war sehr heiß." Darunter ein verblasstes Passbild: "Mein Vater, William Stern."

In dessen Psychologie der frühen Kindheit sind Günther Anders' erste philosophische Versuche dokumentiert - auch die Frage: "Und wer hat den lieben Gott gemacht?" William Stern war Mitglied der jüdischen Reformgemeinde in Breslau, die den Sabbat am Sonntag feierte, mit Musik von Meyerbeer. Ein kaisertreuer Goethe-Deutscher, ein Kriegspatriot. Unglücklich war er nur über die Freundschaft seines Sohnes mit einem zionistischen Ostjuden. "Durch den lernte ich Flaubert, Hamsun, Tolstoj kennen. Mein Vater war darüber indigniert. So geschah das Paradoxe, dass meine persönliche Emanzipation vom Vater und meine Solidarisierung mit dem Ursprung: mit dem Judentum, zusammenfielen." Das Weltbild des Psychologen William Stern, Professor in Breslau und später in Hamburg, brach erst 1933 zusammen

er starb im Exil, 1938, in Durham/North Carolina.

Breslau, Heidegger, Hollywood

Wie wird man zum "Berufsmoralisten", habe ich Anders gefragt, und ein strenger, nein, fast mitleidiger Blick kommt als erste Antwort. Aber dann beginnt er zu erzählen. Wie er ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, als 15-Jähriger, mit einem paramilitärischen Schülerverband von Hamburg aus nach Frankreich geschickt wurde: "Angeblich zur Ernte, in Wahrheit, um die Obstkulturen zu vernichten. Unterwegs, auf einem Bahnhof, wohl in Lüttich, sah ich eine Reihe von Männern, die sonderbarerweise an den Hüften anfingen.