Nachdem ich einen Vortrag über Romantik und Liebe gehalten hatte, wollte ich beim Publikum meinen Beifall kassieren. Der aber kam nicht. Ein Herr hatte sich nämlich erhoben und nur einen Namen genannt: "Nikolaus Lenau." Das sollte mir wohl bedeuten, es wäre an mir gewesen, in einem Vortrag über romantische Liebe Lenau zu nennen. Meine Antwort war ein Gedicht: "Die Nacht ist finster, schwül und bang, / Der Wind im Walde tost

/ Ich wandre fort die Nacht entlang, / Und finde keinen Trost." Diesen Ton, den Lenau angibt, diese Lebensmelodie kenne ich in- und auswendig. Nein, ich hatte Nikolaus Lenau (1802 bis 1850) nicht genannt, und das hatte auch einen schnöden Grund: Die Stars der Romantik, Brentano, Novalis, Schlegel, machen andere Dichter unsichtbar. Auch rückwärtsgewandt denkt man marktgerecht. Aber andererseits bin ich davon überzeugt, dass Lenau ein Solitär ist, und das nicht zuletzt als Liebender. Man sollte sein beispielhaftes Einzelschicksal nicht einfach unter eine generelle Perspektive wie "romantische Liebe" stellen.

Wilfrid Lutz hat für ein Insel Taschenbuch 70 Liebesgedichte aus dem Werk von Lenau zusammengestellt. Naturgemäß sind jene drei Gedichte dabei, die die ersten waren, die Lenau Sophie von Löwenthal überreichte: Einsamkeit, Wunsch und Meine Furcht. Dieser poetische Dreiklang aus Einsamsein, Wünschen und Fürchten spielt auf eine Disharmonie an, die das Leben Lenaus bis in die Heilanstalt begleitete. Dort notierte der Dichter die Wortfetzen: "kerzengrad- Schiller - eiserner phallus." Michael Ritter, der Verfasser der Lenau-Biografie Zeit des Herbstes, die bei Deuticke erschienen ist, kommentiert die zitierte Aufzeichnung vorsichtig: Einwandfrei belegen könne man nicht, dass Lenau noch im Wahnsinn in dieser Art an Frau von Löwenthal dachte, aber "im Wissen um das unterdrückte sexuelle Verlangen nach Sophie, welches sie selbst einmal benannte" sollte man doch nicht außer Acht lassen, dass der kerzengerade, eiserne Phallus ihr Werk sein könnte.

Lenaus Einsamkeit beginnt mit den Worten: "Wild verwachs'ne dunkle Fichten / Leise klagt die Quelle fort

/ Herz, das ist der rechte Ort / Für dein schmerzliches Verzichten!" Ach, das Gedicht lebt aus sich selber, und die Biografie gibt nur News dazu, die unpoetische Charaktere wie mich erregen: Frau von Löwenthal war nämlich verheiratet, und zwar mit Max, einem Beamten und einem Dichter-Dilettanten. Max duldete, was sich vor seinen Augen abspielte, nämlich die romantische Liebe seiner Gattin zu Nikolaus von Lenau, dem erfolgreichen Dichter. Ja, auch sie liebte ihn, obgleich sie sich ihm verweigerte - wie übrigens, ich glaube, nach dem dritten Kind, auch ihrem Gatten. Was Lenaus Lebenskatastrophe war, hatte gewiss damit zu tun, dass der außereheliche Geschlechtsverkehr für eine verheiratete Frau ihrer Schicht damals nicht einmal denkbar sein konnte. Ich behaupte aber jenseits aller gebotenen Vorsicht, dass darüber hinaus zwei Konzepte, zwei "Skripts" schuld daran waren, dass Lenau am Ende die Nerven verlor: Nach ihrer Sicht der Dinge, die sie freudlos das Bett mit Max zu teilen hatte, war Geschlechtsverkehr für Liebe unwichtig. Nur Männer schwören auf das Körperliche der Liebe, vielleicht auch Lenau, aber der war ein Mensch von so einer sensiblen Natur, für den ist doch die Vereinigung jenseits der Körper wie geschaffen ...

Die historisch kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe Lenaus ist das Produkt zweier Verlage: Deuticke und Klett-Cotta. Im siebenten Band fand ich ich einen der "Zettel" Lenaus an Sophie: "Mein Unglück ist mir mein liebstes, weil es von dir kommt, und ich betrachte es gerne im verklärenden Lichte eines allgemeinen Verhängnisses." Es ist sein Konzept, die Nichterfüllung positiv zu besetzen und die Unmöglichkeit des Glücks ins Nichtirdische zu überhöhen: "Wir lieben uns", schrieb er 1837, ein Jahr vor oben zitierter Wendung, "und die Liebe hat ihren Heldenmut von Ewigkeit her." Im Doppelsinn ließ sie ihn nicht los: Er dachte stets zuerst an sie und sie ließ ihn niemals gehen. Bevor sie ihn an den Wahnsinn verlor, hatte er zwei Mal die Chance, sich mit einer "anderen" vom Traum und Albtraum seiner Liebe zu befreien. Sophie wusste es - aus Liebe - zu vereiteln. So war hier eine Frau, die einen Mann liebte, dem sie sich verweigerte und dem sie dabei zusah, wie er sich nach ihr verzehrte. So war hier ein Mann, der in dieses Spiel einwilligte, indem er die ganze Kraft seiner poetisch geübten Fantasie verwendete, um eine unlebbare Liebe zu beseelen.

Nikolaus Lenau: Liebesgedichte