Deutschland, eine Bildungswüste. Schülern in Bremen ist das Lesen so fremd wie den Eskimos das Tangotanzen. Und die Studenten in Nordrhein-Westfalen schlagen alle Rekorde im Langzeitstudium: 31 Prozent studieren mehr als 15 Semester, jeder Zehnte hat das 20. Semester hinter sich. So schön ist es in Bochum. Allerdings haben viele Studenten einen Beruf, müssen eine Familie ernähren. Nun aber soll endlich Schluss sein mit der deutschen Kombination von Unterdurchschnitt und Überdurchschnitt. Der Bundeskanzler hat die Schule zur Chefsache gemacht, das ist er Doris und der kleinen Klara schon schuldig. Man soll die Schulkinder nicht gleich mit dem Bade ausschütten, sagt hingegen der Bundespräsident, seine Kinder haben die Grundschule ja gut überstanden. An der Universität aber hat inzwischen die Bundesbildungsministerin mit ihrer Erfindung der Junior-Professur (dafür wirbt sie, wie es sonst nur die Feuchtigkeitscremes tun, mit Annoncen plus Abpflückteil) die Voraussetzung geschaffen, dass der Langzeitstudent bei geschicktem Verhalten gleich in den Lehrstand auf Zeit rücken kann.

Wenn wir diese apokalyptische Situation im Lichte eines anderen Phänomens sowie einer weiteren Nachricht betrachten, dann zeigt sich allerdings schon eine Chance, dass sich die Dinge zum Guten wenden könnten. Vor knapp einem Jahr erfuhr die Republik, dass es nicht nur lahmende Langzeit- sondern eilfertige Spätzeitstudenten gibt, ältere Damen und Herren, die, anderer Pflichten ledig, noch mal ein wenig Dürer und Brentano nachholen wollen.

Bekannt wurde diese Tatsache, weil ein Kunsthistoriker aus Hamburg und ein Germanist aus Freiburg ihren Ärger darüber publik machten, dass die "Kukis" (von Kukident) die normalen Studenten an den Rand der Vorlesung drängen und den Betrieb mit Fragen aufhalten, die der Brockhaus oder ein Reiseleiter beantworten sollten. Und wenn man sieht, wie in Martin Warnkes Hamburger Rubens-Vorlesung die ersten fünf Reihen fest, weil pünktlich in Seniorenhand sind, wie hier mit dem Schirm auf vier freigehaltene Plätze gezeigt wird, dort die Statthalterschaft über Zeitungen und Taschen erfolgt, wenn man die Gespräche über die Enkel und die Magenverstimmung hört und wenn man sieht, wie später das Opernglas gezückt wird, dann fragt man sich schon, ob hier eine Dependance des Augustinums sei.

So kollidiert das Recht auf Bildung mit dem Recht auf Ausbildung. Nun aber hat die Universität Tübingen, 525 Jahre wurde hier gelehrt und gelernt, offensichtlich die Lösung für alle gefunden. Dort wurden in diesem Sommer einmal pro Woche Vorlesungen für Acht- bis Vierzehnjährige angeboten. Mit großem Erfolg. Das ist - kombiniere, Nick Knatterton, sagt der ältere Mensch - der finale Ausweg aus allen Miseren. Zur Vorlesung gehen in Zukunft Oma und Opa mit den Enkeln. Dann kann der Papa ungestört dem Beruf nachgehen und sich zum 21. Semester einschreiben.