Berlin hat wahrlich viel zu erleiden. Wiedervereinigung, Finanzkrisen, Missmanagement, Provinzialität, Parvenues. Doch beileibe das Ärgste sind die nörgeligen Grobevaluierungen Berliner Stadtlebens seitens Außenstehender.

Natürlich passt ein ungezähmtes, intellektuell und kulturell neugieriges und gesellschaftlich nicht so etabliertes Gewächs nicht in das so gemütliche Bild des bajuwarischen oder hanseatischen Kaufmanns/Bildungsbürgers.

Um der Zitatfreude willen noch etwas hinzuzusetzen: "Wenn die Kritiker mit sich uneins sind, ist der Künstler mit sich im Reinen" (O. Wilde). Berlin ist eben wie ein Künstler: arm, beizeiten unangenehm, störrisch, aber eben auch kreativ, inspirierend und vor allen Dingen eines: keine Stadt, die sich lediglich über den überproportionalen Anteil von Investmentbankern und Unternehmensberatern definiert.

Nils Peters, Berlin

Warum wird unsere Stadt immer mit New York, London oder Paris verglichen?

Berlin ist Berlin und bleibt Berlin, eine wundervoll bunte, chaotische Stadt voller Gegensätze.

Wo in Deutschland kann man zwischen drei oder vier Opern am selben Abend wählen, in der Pause Brezeln und vegetarische Pizza essend auf einem Prachtboulevard flanieren, danach mit Teenies in einem Club feiern, der heute brechend voll, am kommenden Abend vielleicht schon gar nicht mehr existent ist? In der Glaskuppel den Sonnenuntergang genießen und sich als Tourist in der eigenen Stadt fühlen? In Friedrichshain als 50-Jähriger zwischen Hunderten von Studenten frühstücken, ohne sich uralt zu fühlen? Auf der Oranienstraße (ohne "Burger"!) zwischen Blumenlädchen, Dönerbuden, Buchshops mit integrierter Galerie und Fahrradgeschäften Sushi essen? Und dabei mindestens drei türkische Hochzeiten, zwei Kampfhunde, 17 Kinder mit gepiercten Müttern beobachten und drei Damen im Abendkleid beim Taxifischen zusehen?