Gestrig wirken mag heute keiner, es wirkt so unschick, aber: Lässt einem das moderne Leben denn die Wahl, etwas anderes als "retro" zu sein? Also beispielsweise 35 zu werden, wieder Klamotten wie aus den Siebzigern anzuziehen und abends nicht ab und zu alte Beatles-Platten aufzulegen? Sich geschmeidig durch elektronische Welten zu bewegen, hier und da etwas herauszusampeln und nicht eine Sehnsucht nach altmodischen Aktivitäten wie Hotelzimmerverwüsten zu hegen? Wir sind hier schon beim Wesentlichen, beim Eingemachten, bei der Frage: Wie kommt man als interessierter Pophörer mit der Tatsache zurecht, dass es Oasis, die gerade ihr neues Album Heathen Chemistry veröffentlicht haben, immer noch gibt?

Acht Jahre ist es mittlerweile her, nach Popzeitrechnung mehrere Ewigkeiten, dass auf den Britischen Inseln das Erbgut der Beatles angezapft, manipuliert und unter dem Markennamen Britpop zu Markte getragen wurde. Am schamlosesten, wir erinnern uns, bedienten sich dabei zwei Brüder aus Manchester, die gemeinsam in einer Band namens Oasis spielten, wobei Liam Gallagher, der Jüngere und Sänger, wie ein Ersatz-Lennon klang, Noel, der Ältere und Gewieftere, auch noch glaubte, Lennon zu sein. Mit drei, wie sich zeigen sollte, austauschbaren Spießgesellen erzeugten sie Songs, die, neben größenwahnsinnigen Gitarren und marschierendem Schlagzeug, bloß von der Inbrunst des Fan-Seins zusammengehalten wurden.

Mindestens ein großer Hit sprang dabei heraus. "Lately did you ever feel the pain / In the morning rain / As it soaks it to the bone", heißt es auf Live Forever, der dritten, zeitgleich mit dem Debütalbum Definitely Maybe veröffentlichten Oasis-Single - aber wohin dann mit so einem Gefühl? "You and I are gonna live forever", das bedeutet in der Popmusik: entweder morgen tot oder nächstes Jahr schwerreich. Nach Eintreten des Letzteren sowie dem glorreichen Sieg im Battle of the Bands von 1995 gegen die Konkurrenten von Blur rückten sie mit dem zweiten Album (What's The Story) Morning Glory und dem darauf enthaltenen Don't look back in anger auf grundspießige Weise alles wieder ins rechte Verhältnis: "Please don't put your life in the hands of a rock 'n' roll band / They throw it all away ..." So etwas konnte auch die eigene Mutter gut finden oder die deutsche Nationalmannschaft, die das Lied, nach einer Überlieferung von Mehmet Scholl, bei der 96er EM im Bus hörte.

Wahrscheinlich ist dies bereits die größte historische Leistung von Oasis: den Ehrenkodex des Fußballfanwesens auf die Popmusik übertragen zu haben.

Demzufolge darf man zwar sein Lieblingsteam für eine Gurkentruppe halten, ihm aber niemals die Treue aufkündigen, die sich der Fan ja gerade in Zeiten des Niedergangs so richtig schön beweisen kann, wofür wiederum die Gallagher-Brüder das schönste Beispiel sind. In bewusster Abgrenzung zu Kunstschnöseln wie Blur oder Radiohead haben sie schon immer Wert auf ihren Working-Class-Background gelegt. Die fünf von Oasis waren und sind lads: Kumpel, die aussehen, als würden sie bei einem englischen Zweitdivisionisten im defensiven Mittelfeld spielen, gerne mal im Pub ein Bier zu viel trinken und dabei erzählen, sie seien auch nur Typen wie du und ich - eben bloß mit ein paar Millionen Pfund mehr auf dem Konto.

Womit wir bei Punkt zwei sind: Ironie ist Sache der Gallaghers nicht, genauer gesagt, sie sind absolut ironieunfähig. Hart, aber herzlich war's gemeint, als Noel dem Blur-Sänger Damon Albarn vor sieben Jahren Aids an den Hals wünschte, von gesundem Insel-Hooliganismus zeugen auch verbürgte Noel-Statements wie: "Wenn du nicht größer als die Beatles werden willst, ist es nur ein Hobby", oder: "Verschwinde aus meiner Kabine, und sag mir, dass ich Gott bin!" Das rockt, wenn man 18 ist und ahnt, dass das meiste an Musik da draußen schon stattgefunden hat. Oasis bestehen nicht nur auf der Gnade der späten Geburt, sie versuchen, sie in eine Tugend umzubiegen. Statt vor den Ikonen der Vergangenheit, selbst den verehrtesten, den Hut zu ziehen, erklären sie sich kurzerhand selbst zu Originalen.

So kitten sie die Brüche ihrer historischen Bastelarbeit und verwandeln Spiel in Ernst zurück, mit dem Effekt, dass - Punkt drei - alles von vorn beginnen kann: die Story vom schnellen Leben und von den leichten Mädchen, die Mär von den rebellischen Söhnen, die es mit den Mitteln des Rock 'n' Roll von ganz unten nach ganz oben schaffen, die ganze proletarische Seifenoper, die in den Tabloids und Musikzeitschriften um- und umgewälzt wird, angereichert um Bruderzwiste und dröhnende Versöhnungen so wie eine grandiose Inszenierung von "Älterwerden" als reuiger Rabaukeneinkehr - mit wiederkehrenden Rückfällen, versteht sich. Und weil sie bislang nicht gestorben sind, versorgen sie bis heute ein Publikum, das geneigt ist, über all dem Gedröhne zu übersehen, wie sehr der Abstieg von immer gleicheren, immer schlechteren Alben begleitet wurde.