Eine schmale Steinbrücke schlägt fünf Bögen über den Fluss. Am Ufer stehen zierliche Häuser, vor denen Stechkähne und Mahagoniboote in der sanften Strömung dümpeln. Vom mittelalterlichen Turm der Pfarrkirche schallt eine pentatonische Glockenmelodie. Die Malztürme einer kleinen Brauerei verströmen den Geruch frisch angesetzter Maische. Henley an der Themse. Quälten sich nicht Lastwagen der Supermarktkette Tesco und ein endloser Strom von Bentleys, Porsches und Mercedes über die alte Brücke 74 Kilometer flussaufwärts hinter London, könnte man sich in ein früheres Jahrhundert zurückversetzt fühlen.

In der Uferniederung jenseits der Brücke ragt ein dreistöckiges, vielgiebeliges Walmdachhaus auf. Das Haus des Leander Clubs. Der Club gilt als einer der feinsten des Landes. Die Queen ist Schirmherrin. Prinz Philip und Prinz Charles sind Ehrenmitglieder. 34 olympische Goldmedaillengewinner tragen die Vereinsfarben - alles Ruderer. Henley ist der Ort, an dem seit 1839 alljährlich die bekannteste Ruderregatta der Welt ausgetragen wird. Der Stichtag ist der erste Samstag im Juli. Das erste Rennen muss am vorausgehenden Mittwoch um zehn Uhr beginnen, so legt es das Reglement fest.

Die Regatta dauert dann bis Sonntagnachmittag. Das erste Rennen am Sonntag wird erst um zwölf Uhr gestartet, damit jeder vorher zur Kirche gehen kann.

Das gehört zur Form.

Es ist Ende Juni. Die Bootzelte und Markisen werden aufgebaut. Im Fluss wird die Rennstrecke abgesteckt. Etliche Crews lassen ihre Boote zu Trainingsfahrten vor dem Leander, dem Upper Thames und dem Henley Rowing Club zu Wasser. Muskelbepackte Hünen mit sonnengebleichtem Haar, die so aussehen, als könnten sie einen Achter einhändig stemmen. Kein Wunder, dass der junge Mann am Landungssteg des Bootsverleihs Hobbs & Söhne mich mit einer gewissen Herablassung behandelt, als ich in einen Ruderkahn klettere.

Die Bezeichnung Ruderkahn ist mit Bedacht gewählt. Auf den Bug des Wassergefährts ist der Name H4 gemalt, was für Hochleistung stehen könnte.

Das H steht aber für Hobbs, und die Nummer ist das einzige Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Kähnen, die am Steg festgebunden sind.