So unbekümmert war im vergangenen Jahrhundert wohl kein Komponist wie jener Paul Hindemith, der von der Front in Flandern anno 1918 schrieb: "Das ist mein Krieg! Ich führe ein wunderbar ruhiges Leben, ich kann Musik machen, lernen und arbeiten." Das ging nicht nur, weil ein kunstsinniger Offizier seine Hand über den 23-Jährigen hielt, sondern weil Hindemith an seiner Berufung längst keine Zweifel mehr hatte. Mit welchem Recht? Wie schrieb er denn?

Zwei Werke aus dem Jahr vor seinem "Einrücken", 1917, zeigen einen Musiker, der die Nähe der Größten nicht scheut. Wer sich eine Violinsolosonate auf den Leib schneidert, kann dem Vergleich mit Bach sowieso nicht entgehen, und der junge Konzertmeister der Frankfurter Oper trat ihn zunächst als Flucht nach vorn an: Im Rhythmus der Gavotte, in der Architektur von Ornamenten und Akkorden scheint das Vorbild übermächtig, von Hindemith noch keine Spur.

Oder doch? Was Christian Tetzlaff da mit wunderbarer Klarheit spielt, hat hinter epigonaler Kulisse einen Schwung, der auf eine Persönlichkeit verweist - und die kommt in den folgenden Sätzen immer deutlicher zum Vorschein. Das Siziliano driftet chromatisch auf eine Haltung zu, die man eigentlich erst von den 1923er Solosonaten Ysaÿes kennt. Die Auflösungserfahrungen der Spätromantik werden gebündelt im virtuosen Subjekt.

Das erkämpft sich dann im Finale vollends seine Gegenwart. Die barocken Elemente werden jetzt ohne Respekt transformiert, sie dienen der Entfesselung eines Musikers, einer Mischung aus tobendem Rumpelstilzchen und tanzendem Faun, die Geige steht in Flammen. Und der Applaus belegt, was man bei so viel Perfektion beinah bezweifelt hätte: Es handelt sich bei Tetzlaffs Feuerwerk um einen Live-Mitschnitt (EMI 5570372).

Er entstand im Kraftwerk Heimbach, einem alten Turbinenbau, in dem Pianist Lars Vogt seit 1998 sein Kammermusikfestival Spannungen ausrichtet und nun auch eine späte Uraufführung veranlasste: Hindemiths Sonate für Streichquintett, Flöte, Klarinette, Bassklarinette, Horn und Fagott, die erst 1973 im Nachlass gefunden wurde. Hier sind es Strauss und Debussy, mit denen sich der 22-Jährige zunächst hörbar auseinander setzt - um sich dann souverän und witzig zu emanzipieren.

Dazu bietet die CD passende Nachbarn (wenn man von Alban Bergs ernstem Adagio aus dem Kammerkonzert in der Triofassung absieht) aus dem Paris der zwanziger Jahre: Poulencs Trio und Prokofieffs Quintett realisieren in ironisch gebrochener Ästhetik den Schritt aus dem Schatten der Tradition. Hindemith hat ihn schon 1917 getan, ungebrochen, naiv und hellwach zugleich - "in quasi rasender Arbeitslust" neben jenem Weltkrieg, in dem sein Vater schon umgekommen war.