Vom Stamme Nimm und Gib
In lokalen Tauschringen verwirklichen Menschen ihre Idee von einer gerechteren Wirtschaft. Die Bewegung wächst
Früher hätte sich Elke Conrad das nicht geleistet. Die arbeitslose Chefsekretärin hat gerade ihre Wohnung neu eingerichtet und ihre Sommergarderobe aufgefrischt. Sie lässt ihre Fenster putzen, lässt sich bekochen und ihren PC fachmännisch in Form bringen, "wenn der mal wieder spinnt". Das Geld dafür hat Conrad nicht. Stattdessen treibt sie mit 240 Menschen aus Witten im Ruhrgebiet auf jene Weise Handel, die man aus dem Nachkriegsdeutschland oder dem bankrotten Argentinien der Gegenwart kennt: Elke Conrad tauscht. "Auf dem Arbeitsmarkt habe ich keine Chance, ich bin 51 Jahre alt und Rheumatikerin", sagt sie. "Im Tauschring sind meine Fähigkeiten dagegen gefragt."
Nicht nur in Witten, überall in Deutschland reaktivieren Menschen seit Mitte der neunziger Jahre in lokalen Zirkeln die Tauschwirtschaft. So entsteht ein von der Euro-Ökonomie unabhängiger Markt für Waren und Dienstleistungen. In einer Gesellschaft, in der man kurz zum Kaufhaus an der Ecke laufen und zwischen zehn Sorten Kaffee und Toilettenpapier wählen kann, sind die Motive der Anbieter und Nachfrager freilich andere als in einer Mangelökonomie.
Backwaren gegen Babysitting
Das Materielle ist Nebensache. Was immer mehr Menschen in das Biete-Backwaren-gegen-Babysitting-Business treibt, ist vielmehr die Suche nach einer Alternative zur traditionellen Wirtschaft mit ihrem Wachstumszwang. Tauschringe verstehen sich als "Experimentierfeld für Gemeinwesenarbeit, für lokale, soziale und nachhaltige Ökonomie", heißt es im Positionspapier deutscher Tauschsysteme.
Fähigkeiten sollen aufgewertet werden, "die heute mit Geld nicht gerecht oder aus Geringschätzung gar nicht bezahlt werden", proklamiert die Satzung des Main-Taler-Tauschrings. Die Gibund-nimm-Gemeinde will laut Positionspapier eine Form der "erweiterten Nachbarschaftshilfe" im anonymen Dickicht der Großstadt sein. Sie soll Arbeitslose und Alleinerziehende, Behinderte und Rentner aus der Isolierung holen und es gleichzeitig möglich machen, dass sie sich Dinge leisten können, für die ihr Geld nicht reicht. Mit dieser eher ideologischen Ausrichtung sind deutsche Tauschringe international eine Ausnahme. In anderen Ländern geht es bei bargeldlosen Geschäften pragmatischer zu (siehe Kasten).
Das Tauschring-Prinzip ist einfach: Elke Conrad schreibt zum Beispiel Bewerbungen für Bernd B. Der hilft Dora L. bei der Gartenarbeit, die wiederum kocht für Elke Conrad. Um die getauschten Waren und Dienstleistungen verrechnen zu können, werden sie in einer Fantasiewährung auf Konten verbucht. In Berlin-Kreuzberg rechnen die Tauschhändler in Kreuzern, in Witten in Talenten. Die Frankfurter verwenden Peanuts, die Leipziger Batzen.
Was eine Leistung wert ist, bestimmen nicht alle Tauschringe auf die gleiche Weise. Einige orientieren sich an den Preisen in der Euro-Welt, bei anderen zählt nur das Verhandlungsgeschick. Die Gleichheitspuristen bemessen den Wert nach der Zeit, die eine Leistung in Anspruch nimmt. In diesem Fall ist eine Stunde Fahrradreparatur genauso wertvoll wie eine Stunde Französischunterricht. Ein Grundsatz aber gilt in allen Tauschklubs: Geld spielt keine Rolle. Wer auf seinem Konto ein Minus hat, kann dieses nur durch eine Gegenleistung ausgleichen.
- Datum 04.07.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28/2002
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