Es war einmal ein Land, in dem es auf die Nase ankam. Felix Hartlaub, der einen großen Zinken und leicht abstehende Ohren hatte, wurde immer wieder darauf angesprochen. Nachdem er 1938 zweimal bei antijüdischen Razzien angehalten worden war, trug er seinen "Ariernachweis" sicherheitshalber in der Tasche. Noch 1941, im besetzten Paris, spürte er die "atomzertrümmernden Blicke ob meines Phänotyps". Im selben Brief heißt es, "Landsleute" und "Franzmänner" fragten sich gleichermaßen, was er für einer sei: "Abends vorm Spiegel wundere ich mich immer, daß noch etwas von einem übrig ist bei dieser dauernden Bearbeitung durch zwei Mühlsteine."

Zwischen solchen Mühlsteinen, zwischen den Stühlen oder auf einem Drahtseil balancierend, so hat sich der vielseitig begabte und bis in die Gegenwart fast unbekannte Schriftsteller Felix Hartlaub immer gesehen. Leidend und selbstbewusst, changierend zwischen Depression, neurotischer Nabelschau und Grandiosität. Vom ehrgeizigen Vater schon früh als "Wunderkind" aufgebaut, stand er unter dem ständigen Druck, etwas Besonderes zu sein. Das Drama des Außenseiters war gleichsam programmiert. Nun wird er als eine merkwürdig schillernde Identifikationsfigur wiederentdeckt: als einer, der alles beschreiben kann, ohne politische Konsequenzen zu ziehen.

Auch wenn Felix Hartlaub bislang keinen wissenschaftlichen Biografen gefunden hat, wurde sein kurzes Leben schon mehrfach erzählt: 1913 in Bremen geboren, wächst er in Mannheim auf, wo sein Vater die Städtische Kunsthalle leitet.

Schon früh äußert sich seine künstlerische Begabung. Als der Vater 1921 eine Ausstellung Der Genius im Kinde organisiert, sind auch Bilder von Felix dabei. Schon als Dreijähriger kann er Gedichte aufsagen, und als Schüler schreibt er Dramen und Erzählungen. 1928 schicken ihn die Eltern auf die als fortschrittlich geltende Odenwaldschule bei Heppenheim, wo sein Bauernkriegsstück Der Bundschuh aufgeführt wird. 1930 verbringt er einige Monate als Austauschschüler in Straßburg, und zwar in der Familie des - heute berühmten, in Buchenwald ermordeten - Soziologen Maurice Halbwachs. Dessen Söhne, die als Widerstandskämpfer von der Gestapo umgebracht wurden, waren Hartlaubs Freunde.

Frankreich und Italien, das er mit seinem Vater mehrfach bereist, haben es Felix besonders angetan. Nach dem Abitur beginnt er Romanistik zu studieren, wechselt 1934 jedoch zur Geschichte. Obwohl der Vater nach der "Machtergreifung" seine Stellung verliert, studiert Hartlaub, der kurzfristig sogar der SA beitritt, in der Reichshauptstadt, wo er 1939 bei dem Militärhistoriker Walter Elze promoviert. Dank der Protektion seines Doktorvaters wird er nach dem ersten Kriegsjahr, das er bei einer Sperrballon-Einheit verbringt, zur "historischen Archivkommission des Auswärtigen Amtes" nach Paris versetzt.

Er schrieb obsessiv, er malte auch

Deren Aufgabe: Auswertung und Plünderung der französischen Archive. "Wir sind uns alle darüber klar, daß wir hier im Frieden und als Einzelne nie mehr hinkönnen", heißt es in einem Brief. Und im selben beschreibt er, wie er im verdächtigen Zivil seine vormaligen Gasteltern Halbwachs besucht: "Ich stieß auf einige Ablehnung, gepaart mit penetrantem Mißtrauen, konnte den Geruch des ewigen Spions oder Propagandisten nie ganz loswerden ... Eigentlich kann man hier nur als staatlich geprüfter Seiltänzer bestehen."