Ich bin zu Königsberg in Preußen geboren und stamme von väterlicher und mütterlicher Seite aus jüdischen Familien, begann sie ihre Autobiografie.

Ich soll sehr klein gewesen sein, dafür aber den ganzen Kopf voll krauser schwarzer Locken gehabt haben, als man mich meinem Vater brachte. > Ich habe mich sehr mit Dir gefreut!< sagte er mir einmal, als ich ein junges Mädchen war und in meiner Gegenwart die Rede auf meine Geburt kam

und noch in viel späteren Jahren pflegte er wohl gelegentlich meinen Kopf in seine Hände zu nehmen, und wenn er mich küßte, dazu sehr zärtlich: >Mein ältestes Kind!< zu sagen. Wir haben einander sehr geliebt.

Nicht lange nach ihrer Geburt wurden Haus und Geschäft der Familie durch einen großen Brand zerstört. Mehrmals musste der Vater neu beginnen. Trotz wirtschaftlicher und politischer Wechselfälle blieb die familiäre Harmonie erhalten. Wir lebten in einer Atmosphäre der Liebe und Eintracht, schrieb sie später. Die Mutter brachte noch neun Kinder zur Welt, von denen sieben überlebten. Weil die Mutter oft krank war, musste die Älteste schon mit neun Jahren sich um die kleinen Geschwister kümmern.

Ihr erster Schultag war der Beginn einer besonders glücklichen Zeit. Sie lernte mit großem Eifer, war sehr talentiert und hörte Bemerkungen wie: Schade, daß das kein Junge ist, oder anläßlich einer Prüfung: Nu! Dein Kopf hätt' aber auch besser auf 'nem Jungen gesessen. Außerdem stellte sie fest: Daß wir Juden wären, und daß es schlimm sei, ein Jude zu sein. Darüber war ich aber mit fünf, sechs Jahren, noch ehe ich in die Schule gebracht wurde, vollkommen im Klaren. So hübsch wir in unseren seidenen Pelzchen auch angezogen waren, so erlebten wir es doch manchmal, daß ganz zerlumpte, schmutzige Kinder uns im Tone des Schimpfes: >Jud!< nachriefen.

Ihre Schulzeit endete vorzeitig in ihrem 14. Lebensjahr, weil die Schule geschlossen wurde. Mit einem nicht zu beschreibenden Gefühle der Verlassenheit und der Vereinsamung packte ich meine Hefte und Bücher in mein Schränkchen ein. Ich nahm Abschied von jedem Blatte, das ich aus der Hand legte, und eine Stimme in meinem Innern, die mir immer wieder die Tränen in die Augen lockte, sagte mir fortdauernd: jetzt ist deine glückliche Kindheit vorbei!

Ihre Brüder durften das Gymnasium und später die Universität besuchen. Sie musste sich, obwohl dem Elternhaus geistig längst entwachsen, der strengen Regelmentierung des häuslichen Tagesablaufs beugen. Das von ihr später belächelte Zeitkorsett, das sie zu organisierter Sinnlosigkeit und sinnloser Organisation verpflichtete ..., wurde trotzdem derartig von ihr verinnerlicht, dass sie stets ihre Zeit peinlich genau nutzte, eine Voraussetzung ihres effektiven und konzentrierten Arbeitens selbst unter schwierigen Bedingungen.