B I L D U N G Schüler aus dem Rhythmus

Musizieren fördert das Lernen und verbessert das Klima in der Schule. Doch ausgerechnet am Musikunterricht wird gespart. Pädagogen fürchten, dass dieser Trend durch die Diskussion um die Pisa-Studie noch verstärkt wird

Was wäre das Leben ohne Musik? Doch ausgerechnet dort, wo für das Leben gelernt werden soll, findet sie kaum noch Widerhall: An deutschen Schulen steckt der Musikunterricht in der Krise. Zwar ist das Fach auf allen Stundentafeln vertreten, werden Kultusminister nicht müde, seine besondere Bedeutung zu betonen, spielen zur Weihnachtszeit die Schülerensembles auf. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Musik im Klassenzimmer zu einem kümmerlichen Beiwerk zu verkommen droht.

Die Dissonanz drückt sich in besorgniserregenden Zahlen aus. "Bis zu 80 Prozent des vorgesehenen Musikunterrichts werden entweder gar nicht oder durch fachfremde Lehrer erteilt", sagt Niels Knolle, Vorsitzender des Arbeitskreises Musikpädagogische Forschung. In Bayern wählen 90 Prozent der Hauptschüler das Fach in der 7. Klasse ab. Und in Hamburg belegten zwischen 1998 und 2001 gerade mal 127 von 44 300 Gymnasiasten Musik als Leistungskurs. Dabei stehen die Gymnasien in dieser Schadensbilanz noch am besten da. An den Grundschulen dagegen sei die Lage "absolut katastrophal", sagt Hans Bäßler, Musikpädagoge in Hannover und Vorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker (vds).

Doch wie passt die schwindende Resonanz der Schulmusiker zu der pädagogischen Einsicht, dass Musizieren in der Schule für allerhand "Transfereffekte" sorgt - etwa ganz prinzipiell das Lernen fördern und soziale Konflikte mildern kann? Und wie passt der Niedergang in der Schulpraxis zusammen mit einem Aufbruch in der Musikpädagogik, den es "seit den zwanziger Jahren nicht mehr gegeben hat", wie Jürgen Terhag schwärmt, Dekan an der Kölner Musikhochschule und Vorsitzender des Arbeitskreises für Schulmusik (AfS)?

Überfordert vom Viervierteltakt

Der Ruck war überfällig. Denn die Krise des Faches Schulmusik ist zu einem guten Teil hausgemacht. Das beginnt bei den Musikhochschulen, die sich als Inseln reiner Kunst betrachten, pädagogische Fragen als Deklassierung verstehen und so häufig an den Erfordernissen der Schule vorbei ausbilden. Einen Anteil tragen auch die Studierenden, die oft jahrelang instrumentale Spezialvorlieben kultivieren und später auf Schüler treffen, deren musikalischer Horizont von HipHop bis HipHop reicht. Das führt dazu, dass die Burn-out-Rate unter Musiklehrern "deutlich höher als bei Lehrern anderer Fächer ist", wie Bäßler weiß. Den Rest besorgen Pädagogen, bei denen die Schüler nicht auf die Pauke hauen dürfen, sondern Referate über Popmusik halten oder den Quintenzirkel aufsagen sollen.

Zu lange hätte "man sich täuschen lassen durch das Vorhandensein einer Alibi-Elite", kritisiert Wolfgang Gönnenwein, der Vorsitzende des Deutschen Musikwettbewerbs. Während einige wenige Jungstars bei Wettbewerben wie "Jugend musiziert" brillieren, ist das Musikmachen aus den Schulstunden weitgehend verbannt. Denn in den sechziger Jahren wurde der Musikunterricht auf ein Übermaß an Theorie und Analyse getrimmt, was Musikpädagogen wie Hans Bäßler für den "Tod des Musikunterrichts" halten.

Doch nicht nur die Irrwege der Disziplin haben die Baisse des Fachs befördert. Einen entscheidenden Beitrag leisteten Ministerien, die mit rigider Einstellungspolitik und der Schließung von Ausbildungsgängen den Nachwuchs bundesweit so erfolgreich dezimierten, dass nun kaum noch welcher da ist. Als besonders unheilvoll hat sich die schulpolitische Praxis erwiesen, Musik als Konkurrenzfach zur Kunst einzurichten und damit Jugendliche "vor die ästhetische Entscheidung zwischen Blindheit und Taubheit zu stellen", wie es der Frankfurter Musikpädagoge Hans Günther Bastian formuliert.

Zu allem Überfluss kommt nun auch noch Druck durch die Diskussion um die Pisa-Studie. Da sehen Fachleute wie Norbert Heukäfer, Musiklehrer und Landesvorsitzender des vds Hessen, eine erhebliche Gefahr heraufziehen: "Schon seit Jahren werden an den Schulen die Stunden für die Hauptfächer aufgestockt und dafür künstlerischer Unterricht abgebaut. Nun glauben die Verantwortlichen für diesen Trend auch noch, dass Pisa sie in ihrem Tun bestätigt."

Dass diese Strategie falsch ist, zeigt sich dort, wo in der tristen Schulmusiklandschaft Lichtpunkte aufscheinen. Zum Beispiel an der Baltic-Gesamtschule in Lübeck-Buntekuh, gelegen in einem sozialen Brennpunkt am Südrand der Hansestadt. Hier empfängt Musiklehrer Lars Dembowski die Schülerinnen seiner 5. Klasse gelegentlich mit den Worten: "Na, habt ihr euch wieder geschlagen oder vertragen?" Neuerdings vertragen sie sich eher; da habe "das regelmäßige musikalische Zusammenspiel in den letzten Monaten schon einiges verändert", meint Dembowski.

Streit entsteht an diesem Tag höchstens darüber, wer Schlagzeug spielen darf. Kaum hat Dembowski zwei Schlägel in die Hand genommen, ist die Truppe fast nicht mehr auf den Stühlen zu halten. "Die wollen alle so gern", erzählt der Musiklehrer später, "aber sie können kaum." So viele motorisch schwach entwickelte Kinder wie in diesem Jahrgang hat er noch nie aus der Grundschule übernommen. Viele Zehnjährige sind offenbar nicht mehr dazu fähig, einen Viervierteltakt nachzuklatschen (also das, was der Bierzeltbesucher auch nach Mitternacht noch hinbekommt). Das kleine Opus, das die Lübecker 5. Klasse dann binnen 45 Minuten zustande bringt, überrascht umso mehr: 22 Glockenspiele, Bassdrum, ein EBass und der Lehrer am Klavier - der Zuhörer befürchtet das Schlimmste. Doch am Ende klingt es richtig schön.

Die Geheimnisse eines erfolgreichen Unterrichts hat Dembowski schnell aufgezählt: "Musiktheorie und Reflexion stehen nicht für sich, sondern ergeben sich aus der musikalischen Aktion. Die Kinder sollen selbst erfinden und lernen, einander zuzuhören." Solche Lehrmethoden machen offenbar möglich, was andernorts kaum noch vorstellbar ist: Musik ist an der Gesamtschule in Lübeck-Buntekuh außerordentlich beliebt, Abwahl des Fachs überhaupt kein Thema.

Dort, wo Musikunterricht gelingt, sind die Erfahrungen der Pädagogen stets die gleichen: Kinder, die miteinander musizieren, fühlen sich nicht nur wohler - sie lernen auch mehr. Das belegen zwei Langzeitstudien, die eine an Berliner Grundschulen, die andere in 50 Schweizer Schulen. Bei beiden Versuchen musizierten die Kinder intensiv im Klassenverband zusätzlich zum normalen Unterricht oder, wie in der Schweiz, sogar unter Verzicht auf je eine Stunde in Mathematik, der Muttersprache sowie einem weiteren Hauptfach. Den Leistungen hat das nicht geschadet, häufig sogar genutzt.

Therapie für Gameboy-Kinder

Als auffälligstes Ergebnis jedoch werten die Fachleute, dass Kinder aus musikbetonten Klassen am Ende viel sozialfähiger und weniger aggressiv waren. "Die mögen sich zunehmend mehr und integrieren Außenseiter wesentlich besser", erzählt Maria Spychiger, die den Schweizer Schulversuch wissenschaftlich begleitet hat. Das meinte wohl auch Innenminister Otto Schily, als er den neuerdings gern zitierten Satz aussprach: "Wer Musikschulen schließt, gefährdet die Innere Sicherheit."

Durch das Spiel mit den schönen Tönen wird nicht nur der Toleranz aufgeholfen. Wie Hans Günther Bastian, Leiter der Berliner Studie, feststellte, lässt sich zudem "ein Mehrwert an außermusikalischen Merkmalen wie Intelligenz, Kreativität, Konzentration und emotionaler Stabilität" nachweisen. Zwar könne man keine simple Kausalbeziehung herstellen, nach dem Motto: "Jeder, der mal auf 'ner Flöte herumbläst, wird gleich intelligenter." Doch die positiven Nebenwirkungen des Musizierens sind nicht von der Hand zu weisen.

Eine geradezu therapeutische Funktion, da ist sich die Fachwelt einig, kommt dem Musikunterricht auch in Bezug auf die massiven Bewegungsdefizite der Generation Gameboy zu. Musikmachen fördert in hohem Maße motorische Fähigkeiten. Bevor etwa an der Erich-Kästner-Schule in Hannover der Musikunterricht aufgestockt wurde, erzählt Hans Bäßler, "stand zweimal in der Woche der Unfallwagen auf dem Schulhof" - und zwar nicht nur, weil sich die Kids dort häufig eins auf den Kopf gaben, sondern "weil sie inzwischen so ungeschickt sind, dass sie sich immer gleich was brechen, wenn sie mal geschubst werden".

Auf dem Spiel steht also mehr als das Blockflötenmenuett bei der Einschulungszeremonie, wenn das Fach Musik zunehmend aus den Schulen verschwindet. Doch wenigstens die Fakultät hat den Handlungsdruck nun erkannt. Die allfälligen Missstände in Ausbildung und Unterrichtspraxis werden von den Musikpädagogen nicht mehr nur beklagt, sondern auch angegangen.

Die Musikhochschulen in Hamburg und Hannover haben die Akzente bei der Aufnahmeprüfung und in der Ausbildung ihrer Schulmusiker deutlich verschoben - weg vom Primat des künstlerischen Hauptfaches hin zur Praxis des Unterrichtens. Bundesweit laufen Programme an Universitäten oder in Lehrerfortbildungsinstituten, um fachfremden Lehrern ein wenig Rüstzeug für den Musikunterricht mitzugeben oder nachzureichen.

Auch bei den Musiklehrern setzt ein Umdenken ein. Vortöner favorisieren etwa das Klassenmusizieren, bei dem die gesamte Gruppe ein Streicher- oder Bläserensemble bildet. Dass solch ein klingendes Schulmusikleben bisher noch Ausnahmecharakter hat, kann nicht allein an fehlenden Mitteln liegen. "Wenn die Musiklehrer nicht nur jammern, sondern anpacken, kommt auch das Geld von Sponsoren oder Eltern hinterher", verspricht Asmus Hintz, Generaldirektor bei Yamaha und Professor an der Hamburger Musikhochschule. Auch sein Kölner Kollege Jürgen Terhag glaubt, dass sich ein stark praxisorientierter Unterricht durchsetzen wird. "Heute wird auf Fachkongressen nicht mehr diskutiert, ob so etwas überhaupt möglich ist", sagt Terhag, "sondern nur noch, wie man es am besten macht."

 
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