H A U P T S T A D T Berlin hat keinen Plan

Vor der deutschen Hauptstadt versagt jeder Versuch einer Sinngebung. Hier gibt es alles und sein Gegenteil. Auch der Wiederaufbau des Stadtschlosses wird keine neue Mitte stiften

Armes Berlin! Schon ist die Frage gestellt worden, ob nicht die Wiederherstellung des Schlosses auch die Wiederherstellung der Monarchie nach sich ziehen müsse. Das war ein Scherz. Keineswegs scherzhaft aber ist seit Beginn der Schlossdebatte der Argwohn geäußert worden, dass der Wiederaufbau ein bedenkliches Sympathiezeichen für den Feudalismus setze. Manche haben sogar von einem Votum gegen die Demokratie gesprochen oder den noch weitergehenden Verdacht auf Revisionismus formuliert. Das Stadtschloss als Schlussstrich. Wie das? Irgendein naiver Berlin-Freund hat einmal davon gesprochen, dass die Schmuddelecken aufgeräumt und die Kriegs- und Nachkriegswunden der Stadt geheilt werden müssten. Daraus wurde sogleich die ideologische Vermutung destilliert, dass hier offenbar auch das Unheil der deutschen Geschichte geheilt, also die Folgen der Naziverbrechen aus dem Stadtbild getilgt werden sollten. Wer heilen wolle, der wolle auch vergessen.

Was ist los mit der Stadt? So viel Konfusion, so viel intellektuelle Haltlosigkeit und überschießender Selbstverdacht? Nichts ist los in der Stadt. Die Stadt denkt, wenn sie denkt, höchstens über den großen kahlen Platz in ihrer Mitte nach, aber keineswegs besonders drängend, denn große und kahle Plätze hat sie mehr als genug auch anderswo. Losgelassen und wild geworden sind allein die Projektionen, die sich aus anderen Teilen Deutschlands, zumal aus den Bezirken der alten Bundesrepublik auf die struppige Hauptstadt richten.

Das Schloss ist nur ein Beispiel unter vielen. Ein älteres, glücklicherweise schon halb verblasstes Exempel war die Rede von der "Berliner Republik", von der manche eine härtere und realitätsgeneigtere Politik erhofften, andere aber neue soziale Kälte und autoritären Zentralismus befürchteten. Auch hier kamen Wunsch und Sorge nicht aus der wirren und erschöpften Berliner Rumpelkammer, die zur eigenen Überraschung Regierungssitz geworden war (als sei eine schicke neue Haushaltsmaschine versehentlich neben kaputten Bügeleisen und defekten Schnellkochern gelandet). Wunsch und Sorge kamen vielmehr aus den vitalen Provinzen des Westens, die je nach politischer Option nach Gründen für ihre aktivistischen Umgestaltungsfantasien oder, umgekehrt, für einen spektakulären Rechtsruckalarm suchten.

Der Berliner selbst hofft traditionell nicht auf einen Ruck, sondern auf Schonung und Fortsetzung des entspannten Schlendrians. Dazu gehört nicht nur das Hintertreiben von Veränderungen, sondern auch das Schweigen über die Furcht vor Veränderungen; teils, um die eigenen Nerven zu schonen (die Sorge vor sich selbst geheim zu halten), teils, um nicht darauf aufmerksam zu machen, dass hier etwas verborgen werden soll. So duckt sich der Schüler vor dem Lehrer weg, der keinen Einblick in das voll gekrakelte Schulheft gewinnen soll. Wenn es noch eines Hinweises auf diese Haltung bedurft hätte, dann hat ihn die rot-rote Stadtregierung gegeben, das Koalition gewordene Ruhebedürfnis einer Stadt, die ihre Ost-West-Gegensätze nicht austragen, sondern dissimulieren möchte.

Es ist etwas Müdes und Kakanisches um diese Metropole, das nur deshalb nicht wahrgenommen wird, weil sie einstmals preußisch war und in der Nazizeit einen fatalen Ausbruch von Aktivismus erlebte. Ob dieser Aktivismus aus der Stadt kam oder damals schon eher mühevoll in sie hineingetragen wurde, soll hier dahingestellt bleiben. Goebbels hat Berlin bekanntlich, die Schwierigkeiten der Nazis mit den Bewohnern resignatorisch zusammenfassend, als röteste Stadt nach Moskau bezeichnet. Aber wie auch immer: Jetzt ist der energische und misstrauische Westlehrer über die Stadt gekommen und hat sogleich wieder erkannt, dass es hier viel zu erziehen und viel zu befürchten gibt.

Das Missverständnis des Lehrers besteht aber darin, dass er seine Sorgen (zum Beispiel über eine allzu dominante Rolle der Hauptstadt) recht eigentlich nur an sich selbst richten kann. Die Westdeutschen, wenn sie über Berlin streiten, streiten vor allem über die Gespenster in ihrem eigenen Kopf. Berlin selbst träumt keineswegs davon, den Rest des Landes zentralistisch zu dominieren. Es träumt so wenig davon, dass es auch die Furcht davor kaum nachfühlt. Dieser faule und friedliche Bursche kann sich nur wundern, wenn jemand vor seinen Bärenkräften warnt.

Denn was will der Berliner von dem westdeutschen Lehrer? Er will nur Geld, auf dass er seine Laubenpieperwirtschaft fortsetzen kann. Es mag aus Sicht der bundesdeutschen Haushaltspolitiker viel Geld sein, aus Sicht der Berliner ist es nicht viel. Denn sie wollen ihren Schrebergarten (ihre Rumpelkammer) weder verschönern noch aufräumen, sie wollen ihn nur weiter betreiben. Das Unkraut darf ruhig wuchern, und noch ist kein Wurm und kein Vogel je als Schädling bekämpft worden. Berlin ist eine Stadt, die zwar wuchern und wachsen, aber nicht geplant werden will; und darin hat sie viel Ähnlichkeit mit den Metropolen der Dritten Welt, auch der einen oder anderen in Europa selbst aus dem Ruder laufenden Großstadt, aber nicht mit den übrigen deutschen Städten.

Berlin ist für Deutschland nicht repräsentativ; es ist in geradezu bizarrem Maße die Ausnahme, und wenn von einer Hauptstadt Repräsentanz im Typischen und Atmosphärischen verlangt werden kann (aber wer weiß?), dann war der Regierungsumzug ein fataler Fehler. Wer aus Bogotá oder Lagos kommt, wird sich über Berlin kaum wundern; auch Istanbuler oder Britpop-Künstler aus dem krautigen Londoner Norden finden sich in der Stadt bedenklich geschickt zurecht. Aber Münchner oder Hamburger, von glamourhungrigen Flaneuren aus Saarbrücken ganz zu schweigen, können sich nur entsetzen.

Darin liegt, nebenbei gesagt, auch der strategische Fehler des ambitionierten Hauptstadtjournalismus, der in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach Einfluss und Wirkung strebte. Diese Wirkung konnte er, wenn überhaupt, nur außerhalb der Stadt haben. Niemals ist es gelungen, ein Stadtgespräch zu erzeugen oder ein solches auch nur zu protokollieren. Es ist schlechterdings kein Thema denkbar, dass die Stadt in ihrer Gänze durchdringen oder gar beherrschen würde. Selbst der Staatsbesuch eines amerikanischen Präsidenten ergreift nur ein Segment der Bevölkerung, die traditionell in Dutzende von Milieus zerfällt, welche sich wiederum weder politisch noch in ihrem Lebensgefühl synchronisieren lassen. Oft wissen sie nicht einmal voneinander; in der Regel kennen sich nur, wie es Proust für die Pariser Vorkriegsgesellschaft gezeigt hat, die unmittelbar benachbarten oder unmittelbar verfeindeten Milieus. Mit der Ahnungslosigkeit des Berliners, den Inhalt seiner eigenen Rumpelkammer betreffend, muss immer gerechnet werden.

Hier ist übrigens ein Wort der Milde gegenüber den westdeutschen Hauptstadterziehern angebracht, die bekanntlich gern darüber schimpfen, dass sie in Berlin die bürgerliche Gesellschaft vermissen. Offenbar sind diese Westdeutschen (meistens kommen sie aus Bonn) ins erstbeste Milieu hineingestolpert und haben sich von der dort herrschenden Unkenntnis anstecken lassen. Es gibt die so genannte gute Gesellschaft in Berlin wie andernorts, sie ist nur in der Stadt und für die Stadt keineswegs so sichtbar, wie sie es vielleicht in Bad Godesberg oder Meckenheim-Merl ist.

Auch deswegen ist es übrigens albern, von Berlin eine zentralistische Dominanz zu fürchten: weil die Stadt in sich nicht zentralistisch oder auch nur hierarchisch organisiert ist. Wer Einfluss sucht, ist nicht auf bestimmte Kreise verwiesen; er muss sich vielmehr fragen, worauf und womit er Einfluss nehmen soll. Wer Revolutionäre sucht, wird Revolutionäre finden; wer Revisionisten sucht, aus Sympathie oder um seinen Alarmismus zu füttern, wird Revisionisten finden; wer Bürger sucht, die einen kultivierten Selbsthass pflegen, wird die charmantesten Exemplare hinter den verwilderten Vorgärten alter Villen besuchen können. Es ist für alles gesorgt; aber niemand in diesem struppigen Ökosystem kann sagen, er herrsche.

Die Struktur Berlins ist die Parataxe. Und weil das so ist, steht jede symbolische, historische oder politische Bedeutungsstiftung in einer höchst prekären Konkurrenz zu widerstreitenden Symbolen. Es gibt ein knappes Dutzend Denkmäler, die an Rosa Luxemburg erinnern; und wenn die so genannten Weißen Generäle Scharnhorst und Bülow wieder Unter den Linden stehen, zeugen sie nicht für oder gegen die Geschichte der Arbeiterbewegung; sie stehen einfach nur auch noch da. Es gäbe noch nicht einmal Grund, sich geschichtspolitisch zu empören, wenn sie an ihren alten Platz rechts und links der Neuen Wache zurückkehrten; denn in der Alten Wache zeugte die überproportional vergrößerte Pietà der Käthe Kollwitz dann immer noch vom deutschen Pazifismus.

Es gibt neuerdings, um die Gedenkverwirrung noch zu steigern, sogar ein Bersarin-Aktiv, das dem ersten sowjetischen Stadtkommandanten ein Denkmal setzen möchte, gegenüber dem Alten Fritz, auf dem Motorrad natürlich, auf dem er verunglückte. In diesem Bersarin-Aktiv (das seinen Namen als ironische Abbreviatur der Sowjetsprache versteht) sind übrigens West- und Ostberliner vertreten, auch solche höchst bourgeoiser Herkunft. Berlin kurzum, weit davon entfernt, eine historische Lesart zu privilegieren, ist in Wahrheit dazu geschaffen, allen Geschichtspolitikern eine schwere Depression zu bereiten.

Nichts in der Stadt gibt eine Lesart unangefochten vor. Und sollte eines Tages auf dem Schlossplatz ein Schloss oder seine disneyhafte Simulation erstehen, so wird auch nur einer von vielen kahlen Plätzen wieder gefüllt sein, den einen zur Augenlust, den anderen zur Depression. Es wird aber für niemanden in dieser Stadt jene Bedeutung haben, die von den Deutschen draußen im Lande hineinprojiziert wurde. Es ist schön, dass sie mit so viel Eifer für ihre Hauptstadt streiten (es ist ein Zeichen dafür, dass sie von ihnen als solche angenommen wurde). Aber wenn sie nach Gründen für diesen Streit suchen, sollten sie nicht mit dem Finger auf Berlin zeigen, sondern sich an die eigene Nase fassen.

 
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