E S S A Y

Mission Ewiger Friede

Die Europäer sind schwach. Deshalb können sie Amerikas Macht nicht begreifen

Wie aber kam es zu diesen unterschiedlichen Sichtweisen? In den Nationalcharakteren sind sie jedenfalls nicht begründet. Vor zwei Jahrhunderten haben sich die amerikanischen Staatsmänner noch auf das internationale Recht berufen und die Machtpolitik verabscheut, während die Europäer auf die Staatsräson pochten. Im Glauben an Macht und kriegerische Herrlichkeit sind die Europäer in den Ersten Weltkrieg gezogen, während die Amerikaner auf vertraglichen Interessenausgleich setzten. Jetzt sind die Rollen vertauscht.

Zum Teil hat dies seine Ursache in einer enormen Verschiebung des Machtgleichgewichts. Als Resultat des Zweiten Weltkriegs ist die Kluft zwischen den USA und Europa gewachsen. Diese Distanz hat im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sogar noch weiter zugenommen. Aufgrund ihrer einzigartigen militärischen Stärke sind die Amerikaner viel eher geneigt, Gewalt anzuwenden, und haben deshalb auch ein festeres Vertrauen in die moralische Legitimität ihrer Macht. Umgekehrt hat Europa wegen seiner relativen Schwäche eine Abneigung gegenüber Gewalt als politischem Instrument in internationalen Beziehungen entwickelt. Die Europäer wünschen sich heute - wie es die Amerikaner vor 200 Jahren taten - eine Welt, in der Stärke nicht ausschlaggebend ist. Eine Welt, in der das einseitige Vorgehen von Supermächten untersagt ist und in der sich alle Staaten, ganz gleich, wie mächtig sie sind, an vereinbarte Verfahrensregeln halten. Für viele Europäer ist es wichtiger, auf dem Weg in eine solche Welt Fortschritte zu erzielen, als etwa die Bedrohung durch Saddam Hussein zu beseitigen.

Auf Amerikaner aber wirkt eine Welt, wie sie Hobbes beschrieben hat, nicht allzu beängstigend. Wer machtpolitisch in der Lage ist, Unilateralismus zu praktizieren, für den ist er zwangsläufig attraktiver als für andere. Umgekehrt engt das internationale Recht die Handlungsmöglichkeiten starker Staaten natürlich mehr ein als die von schwachen. Die Ungleichheit der Machtmittel führt aber auch schon bei der Einschätzung von Gefahren zu Unterschieden. Ist man nur mit einem Messer bewaffnet und begegnet zum Beispiel einem Bären, liegt es nahe, sich mit dieser Bedrohung zu arrangieren. Es ist dann riskanter, den Bären zu töten, als ihm auszuweichen und zu hoffen, dass er nicht angreifen wird. Jemand mit einem Gewehr schätzt den Fall ganz anders ein: Warum riskieren, von dem Bären zerrissen zu werden, wenn man es nicht nötig hat? Die Amerikaner können es sich dementsprechend gut vorstellen, erfolgreich in den Irak einzumarschieren und Saddam zu stürzen. Dass die Europäer eine solche Aussicht dagegen unfassbar und erschreckend finden, kann nicht überraschen.

Dazu muss man wissen: Europas vergleichsweise friedfertige Kultur ist das Produkt seiner von Kriegen verdüsterten Vergangenheit. In der Europäischen Union verkörpert sich die bewusste Abkehr von der alten Machtpolitik. Wer kennt deren Risiken besser als ein Deutscher oder Franzose? Wie der deutsche Außenminister Joschka Fischer in einer Rede an der Berliner Humboldt-Universität im Mai 2000 gesagt hat, "ist der Kern des Europagedankens nach 1945 die Absage an das Prinzip des europäischen Gleichgewichtssystems und des Hegemonialstrebens einzelner Staaten, wie es nach dem Westfälischen Frieden von 1648 entstanden war". Amerikanische Realpolitiker mögen darüber den Kopf schütteln, aber im innereuropäischen Kontext gesehen, hat Fischer Recht. Die brutalen Gesetze der Machtpolitik sind dort tatsächlich abgeschafft worden. Es geschah ein geopolitisches Wunder: Der deutsche Löwe hat sich neben das französische Lamm ins Gras gelegt. Das neue Europa kam nicht durch einen Ausgleich von Machtinteressen voran, sondern indem es das Machtprinzip selbst überwand. Wie der britische Diplomat Robert Cooper feststellte, leben Deutsche, Franzosen und Spanier heute in einem "postmodernen System". Es konstituiere sich durch die "Ablehnung von Gewalt"; Staatsräson sei durch "Moralbewusstsein" ersetzt worden.

Die Mittel, mit denen dies erreicht wurde, sind den Europäern heilig geworden. Diplomatie, Verhandlungen, Geduld, wirtschaftliche Beziehungen und politische Bemühungen, die Anwendung von Anreizen statt Sanktionen, kleine Schritte und gezügelter Ehrgeiz - das waren die Wirkstoffe der deutsch-französischen Aussöhnung und somit auch der europäischen Integration. Die kollektive Sicherheit wurde mittlerweile von außen, durch den Deus ex Machina USA gewährleistet - vermittelt durch die militärischen Strukturen der Nato. Hinter diesem Schutzwall entwickelten die Europäer ihre neue Ordnung. Diese Evolution vom Alten zum Neuen begann während des Kalten Kriegs. Aber erst dessen Ende, mit dem auch die äußere Bedrohung durch die Sowjetunion wegfiel, brachte Europas neuen Idealismus zur vollen Blüte.

Es könnte mehr als ein Zufall sein, dass der eindrucksvolle europäische Integrationsprozess in der jüngsten Vergangenheit nicht zur Entstehung einer europäischen Supermacht führte, sondern im Gegenteil zu einem Rückgang militärischer Leistungskraft. Die Aussicht, dass Europa ein Gegengewicht zu Amerika werden könnte, wurde zwar als Begründung für die Herstellung der europäischen Einheit angeführt. Aber ist das Streben nach einer europäischen Macht nicht ein atavistischer Impuls, der mit den Idealen des postmodernen Europa gar nicht mehr vereinbart werden kann? Was auch immer die Absichten der Architekten der europäischen Einheit gewesen sein mögen - es hat sich herausgestellt, dass die europäische Integration der Herausbildung europäischer militärischer Macht zuwiderläuft und damit auch einer wichtigen globalen Rolle der Europäer abträglich ist.

Europas Abwendung von der Macht zeigt sich nicht nur in stagnierenden oder sinkenden Verteidigungsbudgets. Führende Politiker beschwören zwar immer wieder Europas wichtige Rolle in der Welt. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi zum Beispiel wünscht sich sehnlich, "dass unsere Stimme in der Welt vernommen wird, dass unsere Taten zählen". Und immerhin geben die Europäer eine Menge Geld für Auslandshilfe aus - pro Kopf mehr als die Vereinigten Staaten, wie sie gern betonen. Die Europäer beteiligen sich an Auslandseinsätzen - solange diese auf friedenserhaltende Maßnahmen beschränkt sind. Aber obwohl die EU gelegentlich ihren großen Zeh in das Wasser internationaler Konflikte wie die im Nahen Osten oder auf der koreanischen Halbinsel hält, bleibt die Außenpolitik doch das Mangelhafteste aller Produkte der europäischen Integration. Außenpolitische Initiativen der EU sind meist kurzlebig und erfreuen sich selten der nachdrücklichen und einmütigen Unterstützung der verschiedenen Einzelstaaten.

Kann Europa das Steuer herumreißen und zukünftig eine bedeutendere Rolle auf der Weltbühne spielen? Dass seine Außenpolitik heute schwächlich ist, heißt keineswegs, dass dies auch morgen noch so sein muss. Jedoch: Es scheint der politische Wille zu einem Mehr an europäischer Macht zu fehlen. Bezeichnenderweise befürworten die Europäer zwar einen Zuwachs an militärischer Stärke - jedoch nicht, weil man damit seinen strategischen Einflussbereich erweitern wollte. Damit sollen vielmehr vor allem die USA gezügelt und zu mehr Multilateralismus bewegt werden. In den neunziger Jahren hat Europa die gemeinsamen Verteidigungsausgaben immerhin von 150 auf 180 Milliarden Dollar pro Jahr aufgestockt, während die USA 280 Milliarden ausgaben. Jetzt wollen die Vereinigten Staaten auf rund 500 Milliarden Dollar jährlich erhöhen, und Europa zeigt keine Anstalten nachzuziehen. Um die Mitgliedsstaaten zu mehr Militärausgaben anzustacheln, nannte Nato-Generalsekretär George Robertson Europa einen "militärischen Pygmäen". Aber es glaubt wohl niemand ernsthaft, dass die Europäer ihr politisches Verhalten grundlegend ändern werden. Sie haben schließlich viele Gründe, es nicht zu tun.

Statt nach Macht zu streben, sind die Europäer zu Predigern ihres postmodernen Evangeliums für die internationalen Beziehungen geworden. Die Ausweitung des europäischen Wunders auf den Rest der Welt ist zu Europas neuem Zivilisationsauftrag geworden. Es waren immer die Amerikaner, die geglaubt haben, sie hätten das Geheimnis des menschlichen Glücks gefunden und müssten es exportieren. Jetzt beanspruchen die Europäer eine neue Mission für sich. Sie berufen sich dabei auf ihre Entdeckung des ewigen Friedens.

Weil die Europäer eine Gesellschaft jenseits der Macht entwickelt haben, sind Europa und Amerika auf getrennte Bahnen geraten. Die Amerikaner waren an dem europäischen Wunder nicht beteiligt. Ihre Erinnerung an die letzten 50 Jahre ist die an den Kalten Krieg, der durch Stärke und Entschlossenheit entschieden wurde und nicht durch den Triumph eines "moralischen Bewusstseins". Als gute Kinder der Aufklärung glauben die Amerikaner zwar an die Verbesserungsfähigkeit des Menschen. Aber von Donald Rumsfeld bis Madeleine Albright sind sie auch davon überzeugt, dass die globale Sicherheit und die Existenz der liberalen Ordnung von Amerikas Macht und seinem Willen abhängen, sie überall in der Welt einzusetzen - in einer Welt, die, jedenfalls außerhalb Europas, gefährlich ist. Schon gar nach dem 11. September denken die meisten Amerikaner an das Münchner Abkommen zurück, nicht an das von Maastricht. Die Ironie dabei ist, dass diese transatlantische Schieflage das Resultat einer erfolgreichen transatlantischen Politik ist. Wie Joschka Fischer und andere Europäer durchaus einräumen, haben die Amerikaner das "neue Europa" überhaupt erst möglich gemacht. Sie haben die Demokratien zum Sieg im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg geführt. Und sie haben das uralte "deutsche Problem" gelöst. Auch heute kann sich Europa die Ablehnung von Machtpolitik nur leisten, weil die USA bereit sind, ebendiese überall in der Welt zu praktizieren und sich Kräften entgegenzustellen, die ebenfalls noch an Machtpolitik glauben. Europas kantianische Weltordnung hängt von einem Amerika ab, das Macht nach den Regeln von Hobbes einsetzt.

Aber wenige Europäer erkennen dieses Paradoxon: dass ihr Übergang in eine posthistorische Gesellschaft den USA zu verdanken ist, die diesen Weg gar nicht mitgehen. Die Europäer betrachten die USA lieber als einen schurkischen Riesen, der in mancher Hinsicht eine größere Bedrohung für die pazifistischen Ideale der Europäer darstelle als Iran oder Irak. Amerikaner tun die Europäer im Gegenzug als nervtötend, irrelevant, naiv und undankbar ab. Das ist mehr als ein Familienstreit. Wenn sich Amerikaner und Europäer nicht mehr über Nutzen und Moralität von Macht einig sind, sind die Grundlagen ihrer militärischen Allianz infrage gestellt.

Was ist da zu tun? Zunächst sollte Europa seine militärischen Fähigkeiten ausbauen, und sei es nur geringfügig. Es gibt nicht viel Hoffnung, dass es dazu kommen wird. Aber vielleicht mobilisiert die Besorgnis über Amerikas überwältigende Macht ja doch die eine oder andere europäische Energie. Vielleicht könnten die atavistischen Machtimpulse, die immer noch in den Köpfen von Deutschen, Briten und Franzosen herumspuken, ein Auslöser dafür sein. Ob man darauf freilich hoffen oder sich vielmehr davor fürchten sollte, ist eine andere Frage. Es wäre sicher die bessere Lösung, würden die Europäer ihren Argwohn überwinden und sich wieder bewusst werden, wie lebensnotwendig ein starkes Amerika ist - für die ganze Welt, besonders aber für Europa.

Die Amerikaner können dazu selbst etwas beitragen. Als Bush und sein Kabinett zur Macht kamen, behandelten sie - wie in geringerem Maße vor ihnen auch die Clinton-Regierung - Europa eher als Bleigewicht auf ihren Schultern denn als Bündnispartner. Als die Europäer nach dem 11. September ihre sehr begrenzten militärischen Fähigkeiten für den Krieg in Afghanistan anboten, zögerten die Vereinigten Staaten. Denn sie mutmaßten, das Kooperationsangebot könnte ein Vorwand dafür sein, Amerika Fesseln anzulegen. Doch die Amerikaner sind in Wirklichkeit zu mächtig, um sich vor den Europäern fürchten zu müssen. Sie könnten deshalb unbesorgt mehr Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der anderen Seite nehmen und sich ein wenig großzügiger zeigen. Sie wären gut beraten, dem Multilateralismus und der Herrschaft des Rechts mehr Respekt zu zollen. Dadurch könnten sie nicht zuletzt einen Kredit an Vertrauen ansammeln. Der würde ihnen zugute kommen, wenn in Einzelfällen multilaterales Vorgehen unmöglich und Unilateralismus unvermeidlich ist.

Dies sind kleine Schritte und sie rühren nicht an die tiefer liegenden Probleme der transatlantischen Beziehungen. Trotzdem: Es ist keine Phrase, dass die USA und Europa nach wie vor eine ganze Reihe von westlichen Wertüberzeugungen gemeinsam haben. Ihre Ziele für die Menschheit sind weitestgehend dieselben. Darauf aufbauend könnte ein wenig gegenseitiges Verständnis vieles bewirken.

Aus dem Englischen von Christian Greßner und Richard Herzinger

Anzeige
  • Von Robert Kagan
  • Datum
  • Quelle
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte | | | | | | | | | Innenpolitik |
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service