A K T I E N F O N D S Vor dem Schlussverkauf
Im Boom konnten Aktienfonds nicht exotisch genug sein. In der Krise zeigt sich, wie unrentabel diese Nischenprodukte sind. Die Sparer flüchten - zu spät
ZEIT-Grafik/Quelle: BVI
Bröckelnde Aktienkurse, die zunehmende Zahl an Unternehmenspleiten sowie Bilanzskandale bei Großkonzernen wie Enron, Worldcom und Xerox haben das Vertrauen der Kleinanleger erschüttert. Sie sind vorsichtiger geworden - und wählerischer. Vor allem die Fondsgesellschaften bekommen das zu spüren. Vor zwei Jahren noch hatten die Finanzprofis den Markt mit neuen Investmentfonds regelrecht überschwemmt, jetzt müssen sie erkennen, dass in der Krise viele Fonds nicht mehr wirtschaftlich gemanagt werden können. Also macht man sie dicht.
Wie sich die Situation in konkreten Zahlen darstellt, zeigt die Statistik des Bundesverbands der deutschen Investment-Gesellschaften (BVI), der Fondslobby. Mitte 2001 waren in den Aktienfonds der im BVI organisierten Fondsgesellschaften noch 216 Milliarden Euro angelegt - Ende des ersten Quartals 2002 nur noch 178 Milliarden Euro. Gegenläufig dazu entwickelte sich die Anzahl der Aktienfonds. Mitte 2001 verteilte sich das gesamte Fondskapital der BVI-Mitglieder noch auf 708 Einzelfonds; Ende März 2002 waren es bereits 1030 Aktienfonds. Damit sank das durchschnittliche Volumen pro Fonds von 305 Millionen Euro auf nur noch 173 Millionen Euro.
Angeheizt haben diese Entwicklung die Fondsanbieter selbst. In Zeiten des Börsenbooms lancierten die Marketingabteilungen einen Exotenfonds nach dem anderen. Mit jedem Börsentrend wurden neue Branchen- und Regionenfonds aufgelegt, und solange die Anleger begeistert investierten, lief die Geldsammelmaschine wie am Schnürchen. Doch gerade aus den einstmals trendigen Nischenfonds haben sich nach enttäuschenden Renditen viele Anleger wieder zurückgezogen. Die Folge: Mancher Fonds bringt es nur noch auf ein Volumen im einstelligen Millionenbereich.
So wurde beispielsweise der Nestor Japan Fonds zum 5. Juli aufgelöst. "Grund der Auflösung ist, dass das Fondsvermögen unter ein Volumen gefallen ist, welches eine effiziente und wirtschaftliche Verwaltung im Interesse der Anteilsinhaber nicht mehr ermöglicht", teilte der Fondsanbieter seinen Kunden mit. Wie niedrig der Depotstand in Wirklichkeit war, traute sich das Nestor-Management nicht mehr öffentlich zu sagen. Es waren noch 600 000 Euro.
2,6 Millarden Euro verloren
Auch der auf Neuemissionen spezialisierte IPO-Fonds UI der inzwischen Pleite gegangenen Gontard & Metallbank machte im Mai mangels Masse dicht. "Durch den starken Rückgang der Anlagemöglichkeiten und das rückläufige Anteilschein-Geschäft war das verwaltete Fondsvermögen erheblich abgeschmolzen", teilte die Verwaltungsgesellschaft Universal Investment mit. Der Liquidationserlös betrug exakt 564 524 Euro.
Es sind keine Einzelfälle. Allein die im BVI organisierten deutschen Investmentanbieter haben in diesem Jahr bereits über 40 Fonds geschlossen, im gesamten vergangenen Jahr waren es 54. Dazu kommen noch die in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen Fonds von ausländischen Anbietern, die teilweise ebenfalls an massiver Schwindsucht leiden. "Besonders gefährdet sind Nischenfonds mit geringem Anlagevolumen, deren Rendite sich schlecht entwickelt hat", sagt Kai Wiecking, Analyst bei der Fonds-Rating-Agentur Morningstar. Auch Frank Bock, Fondsexperte beim BVI, beobachtet eine Abkehr der Anleger von exotischen Spezialitätenfonds. "Der Trend geht derzeit hin zum breit streuenden Standardwertefonds."
Laut BVI-Statistik zogen die Anleger im vergangenen Jahr aus Branchenfonds 1,4 Milliarden Euro und aus Regionenfonds 1,2 Milliarden Euro ab. Vor allem die Biotechnologie-, Fernost- und Telekommunikationsfonds litten unter hohen Mittelabflüssen.
Nach Ansicht von Branchenkennern liegt die kritische Masse für ein wirtschaftliches Fondsmanagement bei einem verwalteten Vermögen von mindestens zehn Millionen Euro. Weil der Ausgabeaufschlag zum größten Teil als Provision an die Vermittler weitergereicht wird, können die Fondsgesellschaften nur mit den Einnahmen aus der Verwaltungsgebühr kalkulieren. Beträgt diese bei einem Aktienfonds 1,5 Prozent pro Jahr, fließen bei einem Fondsvermögen von zehn Millionen Euro Einnahmen von 150 000 Euro - und diese sind schnell wieder für Fondsmanagement, Analysen, Marketing und allgemeine Verwaltungskosten ausgegeben.
Von einer Branchenkrise will Lobbyist Bock naturgemäß dennoch nicht reden. "Im Verhältnis zur Gesamtzahl der auf dem Markt befindlichen Fonds ist das eine normale Entwicklung", sagt er. Morningstar-Analyst Wiecking ist da anderer Ansicht: "Der Trend zum Fondssterben wird sich fortsetzen und verstärken." Der wachsende Kosten- und Konkurrenzdruck werde langfristig dazu führen, dass am Markt nur einige große Anbieter mit umfassender Produktpalette sowie Nischenanbieter mit besonderer Branchen- oder Regionenexpertise übrig blieben.
Für den Anleger sei diese Entwicklung hingegen nicht unbedingt nachteilig. "Damit dürfte auch der Fondsmarkt übersichtlicher und transparenter werden."
Auch die Großen trifft es
Dass es bei Fondsschließungen nicht nur Investoren von Minifonds trifft, zeigt die Vorgehensweise einiger Finanzdienstleister nach Fusionen. So legte die Allianz nach der Übernahme der Dresdner Bank die beiden Investmentsparten des Konzerns zur Allianz Dresdner Asset Management zusammen. Dabei wurden gleich sieben DIT-Invest-mentfonds und vier Allianz-Fonds geschlossen. "Durch den Zusammenschluss ergaben sich in einigen Bereichen Überschneidungen", begründet DIT-Geschäftsführer Markus Rieß den Schritt. Den Kunden wird nun angeboten, ohne Ausgabeaufschlag in einen Fonds mit ähnlicher Anlagestrategie oder mit reduziertem Ausgabeaufschlag in einen anderen Allianz- oder DIT-Fonds zu wechseln. Auch die Investmentsparte der Axa-Versicherungsgruppe bereinigt nach der Übernahme des Fondsanbieters Sun Life Global Portfolio ihre Produktpalette. Je zwei Japan-, Renten- und Euro-Aktienfonds werden zusammengelegt.
"Im Zuge von Übernahmen und Fusionen von Finanzdienstleistern wird es noch einige Schließungsaktionen geben", prophezeit Analyst Wiecking. In der Tat leisten sich heute schon einige Finanzkonzerne verschiedene Investmentgesellschaften als Überbleibsel aus der Zeit, als die zusammengeschlossenen Finanzdienstleister noch Einzelunternehmen waren. Beispiel Münchener Rück: Unter dem Dach des Versicherungsriesen, der auch größter Aktionär der HypoVereinsbank ist, agieren direkt und indirekt die Investmentgesellschaften Activest, Indexchange, Nordinvest und MEAG.
Dass es für Anleger noch die eine oder andere Überraschung geben dürfte, lässt schon die aktuelle Entwicklung ahnen - denn nicht immer trifft es die üblichen Verdächtigen. So erfreut sich trotz eines Wertverlustes von 80 Prozent seit seiner Auflage im Januar 2000 der Ostasien-Internetfonds nordasia.com aus dem Hause Nordinvest eines Anlagevolumens von über 370 Millionen Euro. Damit dürfte das Überleben bis auf weiteres gesichert sein - zumal die Schwestergesellschaft Activest keinen Fonds mit vergleichbarem Anlageziel anbietet. Auf der anderen Seite zeigt die Fusion von Dresdner Bank und Allianz: Wenn es innerhalb der Investmentgesellschaft Überschneidungen bei der Anlagestrategie gibt, stehen auch größere Fonds auf dem Prüfstand. Zum 1. Juli wurden dort unter anderem der Aktienfonds DIT-Spezial mit einem Volumen von 61 Millionen Euro und der über 200 Millionen Euro schwere DIT-DB Geldmarktfonds geschlossen.
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