B I O W A F F E N Die Suche nach Mr. Anthrax

Wer hat die tödlichen Milzbrandbriefe verschickt? Blick in die Abgründe einer Ermittlung von Thomas Kleine-Brockhoff

Am 9. November vergangenen Jahres, als Briefe mit giftigem Anthrax-Pulver die Amerikaner ängstigen und vier Menschen schon tot sind, veröffentlicht das FBI ein "Täterprofil". Es sei "sehr wahrscheinlich, fast schon sicher", heißt es, dass "eine einzelne Person" für die Anschläge verantwortlich sei. Dieser Mann habe "wahrscheinlich eine wissenschaftliche Ausbildung" und arbeite "vielleicht in einem Labor". Er leide unter einer psychosozialen Störung, könne schwer auf andere Menschen zugehen oder Konflikte lösen. Und, wichtig: "Die Person" sei wahrscheinlich Amerikaner.

Gut ein halbes Jahr später läuft der Bioterrorist noch immer frei herum. Aber das FBI hat jetzt den Namen einer "Person des Interesses" genannt, deren Biografie und Charakter ziemlich genau zum Täterprofil passen. Der Mann ist mehrmals verhört worden, hat sich einem Test mit dem Lügendetektor unterziehen und sein Haus zur Durchsuchung freigeben müssen. Doch das FBI nimmt den Mann nicht fest und vermeidet es, ihn einen "Verdächtigen" zu nennen. Diese seltsame Episode eröffnet den Blick in eine höchst mysteriöse Untersuchung und zugleich in die geheimnisumwitterte Welt der amerikanischen Biowaffenabwehr. Was in den vergangenen Tagen bekannt geworden ist, wirft viele Fragen auf, vor allem eine: Gibt es eine Macht, die will, dass Mr. Anthrax ein Phantom bleibt?

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Am Dienstag, dem 25. Juni 2002, halten ein weißer Lastwagen sowie ein paar dunkle Mini-Vans vor den Plaza Apartments in Fort Detrick, einer Schlafstadt nahe Washington. Den Transportern entsteigen FBI-Agenten in Zivil, andere tragen silbrig glänzende Schutzanzüge. Aus einer der Wohnungen nehmen die Beamten Computerteile sowie sechs Müllsäcke voller Unterlagen mit. Während diese Utensilien in dem Lastwagen verschwinden, kreisen am Himmel Hubschrauber, aus denen die Szene für die Abendnachrichten gefilmt wird.

Am nächsten Tag ist der Protest des Mieters über diese Reality-TV-Show in der Zeitung nachzulesen. Der Mann heißt Steven J. Hatfill, ist 48 und hat bis 1999 nebenan in Fort Detrick im "Medizinischen Forschungsinstitut für ansteckende Krankheiten" der US-Armee gearbeitet - also dort, wo bis Anfang der siebziger Jahre das Zentrum der amerikanischen Biowaffenproduktion war und seither das Zentrum für Biowaffenabwehr liegt, dort, wo an allem geforscht wird, was gefährlich ist: Ebola, Pocken, Pest - und Anthrax. Steven Hatfill spricht von einer Hexenjagd auf einen Unschuldigen. Er sagt: "Jahrelang habe ich in diesem Bereich gearbeitet, meist bis nachts um drei, um etwas gegen die Bedrohung mit solchen Massenvernichtungswaffen zu tun. Und jetzt? Jetzt ist es vorbei mit meiner Karriere."

Das FBI gibt am folgenden Tag bekannt, in Hatfills Wohnung sei kein Anthrax gefunden worden, weshalb er nicht festgenommen werde. Für die Bundespolizei zählt Hatfill zu jenem kleinen Kreis von 20 bis 30 Wissenschaftlern, die genügend Kenntnisse und Möglichkeiten hatten, den Milzbranderreger herzustellen und als Pulver zu versenden. Die Theorie vom amerikanischen Attentäter hat Mitte Juni durch ein Gutachten neue Bedeutung gewonnen. Denn die Anthrax-Sporen stammen aus Strängen, die höchstens zwei Jahre alt sind. Der Täter muss also bis vor kurzem in einem Speziallabor, vielleicht in Fort Detrick, ein und aus gegangen sein. Bis heute hat das FBI die Wohnräume von 25 Forschern durchsucht. Das alles ist im Stillen geschehen - bis auf die Fernsehinszenierung bei Steven J. Hatfill.

Eine Studie über Milzbrandbriefe

Hatfills Biografie ist eine Fundgrube einschlägiger Hinweise. Das Magazin The American Prospect hat sie durch Gespräche mit alten Studienfreunden, Biowaffenforschern und Fahndern zusammengetragen. Danach scheint Anthrax ein Hobby, vielleicht eine Obsession Hatfills zu sein. Er hat sich gegen Anthrax sogar impfen lassen. Nicht nur ist er, der gegen Anthrax geimpft ist, zwei Jahre lang im Bioabwehrzentrum der Armee beschäftigt; im Januar 1999 heuert er bei der Firma SAIC an, die für das Pentagon arbeitet. Daher darf Hatfill weiterhin den Hochsicherheitsbereich von Fort Detrick betreten. Als SAIC-Angestellter gibt er eine wahnwitzige Studie in Auftrag: Wie und mit welchem Erfolg können Milzbrandsporen in einem Standardbrief versandt werden? Man fragt sich: Was soll diese Studie, die den Anschlag vorwegnimmt? Das Pentagon aufrütteln? Hatfill schweigt, die Firma SAIC schweigt, das Pentagon schweigt, das FBI schweigt.

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