B I O W A F F E N
Die Suche nach Mr. Anthrax
Wer hat die tödlichen Milzbrandbriefe verschickt? Blick in die Abgründe einer Ermittlung
Am 9. November vergangenen Jahres, als Briefe mit giftigem Anthrax-Pulver die Amerikaner ängstigen und vier Menschen schon tot sind, veröffentlicht das FBI ein "Täterprofil". Es sei "sehr wahrscheinlich, fast schon sicher", heißt es, dass "eine einzelne Person" für die Anschläge verantwortlich sei. Dieser Mann habe "wahrscheinlich eine wissenschaftliche Ausbildung" und arbeite "vielleicht in einem Labor". Er leide unter einer psychosozialen Störung, könne schwer auf andere Menschen zugehen oder Konflikte lösen. Und, wichtig: "Die Person" sei wahrscheinlich Amerikaner.
Gut ein halbes Jahr später läuft der Bioterrorist noch immer frei herum. Aber das FBI hat jetzt den Namen einer "Person des Interesses" genannt, deren Biografie und Charakter ziemlich genau zum Täterprofil passen. Der Mann ist mehrmals verhört worden, hat sich einem Test mit dem Lügendetektor unterziehen und sein Haus zur Durchsuchung freigeben müssen. Doch das FBI nimmt den Mann nicht fest und vermeidet es, ihn einen "Verdächtigen" zu nennen. Diese seltsame Episode eröffnet den Blick in eine höchst mysteriöse Untersuchung und zugleich in die geheimnisumwitterte Welt der amerikanischen Biowaffenabwehr. Was in den vergangenen Tagen bekannt geworden ist, wirft viele Fragen auf, vor allem eine: Gibt es eine Macht, die will, dass Mr. Anthrax ein Phantom bleibt?
Am Dienstag, dem 25. Juni 2002, halten ein weißer Lastwagen sowie ein paar dunkle Mini-Vans vor den Plaza Apartments in Fort Detrick, einer Schlafstadt nahe Washington. Den Transportern entsteigen FBI-Agenten in Zivil, andere tragen silbrig glänzende Schutzanzüge. Aus einer der Wohnungen nehmen die Beamten Computerteile sowie sechs Müllsäcke voller Unterlagen mit. Während diese Utensilien in dem Lastwagen verschwinden, kreisen am Himmel Hubschrauber, aus denen die Szene für die Abendnachrichten gefilmt wird.
Am nächsten Tag ist der Protest des Mieters über diese Reality-TV-Show in der Zeitung nachzulesen. Der Mann heißt Steven J. Hatfill, ist 48 und hat bis 1999 nebenan in Fort Detrick im "Medizinischen Forschungsinstitut für ansteckende Krankheiten" der US-Armee gearbeitet - also dort, wo bis Anfang der siebziger Jahre das Zentrum der amerikanischen Biowaffenproduktion war und seither das Zentrum für Biowaffenabwehr liegt, dort, wo an allem geforscht wird, was gefährlich ist: Ebola, Pocken, Pest - und Anthrax. Steven Hatfill spricht von einer Hexenjagd auf einen Unschuldigen. Er sagt: "Jahrelang habe ich in diesem Bereich gearbeitet, meist bis nachts um drei, um etwas gegen die Bedrohung mit solchen Massenvernichtungswaffen zu tun. Und jetzt? Jetzt ist es vorbei mit meiner Karriere."
Das FBI gibt am folgenden Tag bekannt, in Hatfills Wohnung sei kein Anthrax gefunden worden, weshalb er nicht festgenommen werde. Für die Bundespolizei zählt Hatfill zu jenem kleinen Kreis von 20 bis 30 Wissenschaftlern, die genügend Kenntnisse und Möglichkeiten hatten, den Milzbranderreger herzustellen und als Pulver zu versenden. Die Theorie vom amerikanischen Attentäter hat Mitte Juni durch ein Gutachten neue Bedeutung gewonnen. Denn die Anthrax-Sporen stammen aus Strängen, die höchstens zwei Jahre alt sind. Der Täter muss also bis vor kurzem in einem Speziallabor, vielleicht in Fort Detrick, ein und aus gegangen sein. Bis heute hat das FBI die Wohnräume von 25 Forschern durchsucht. Das alles ist im Stillen geschehen - bis auf die Fernsehinszenierung bei Steven J. Hatfill.
Eine Studie über Milzbrandbriefe
Hatfills Biografie ist eine Fundgrube einschlägiger Hinweise. Das Magazin The American Prospect hat sie durch Gespräche mit alten Studienfreunden, Biowaffenforschern und Fahndern zusammengetragen. Danach scheint Anthrax ein Hobby, vielleicht eine Obsession Hatfills zu sein. Er hat sich gegen Anthrax sogar impfen lassen. Nicht nur ist er, der gegen Anthrax geimpft ist, zwei Jahre lang im Bioabwehrzentrum der Armee beschäftigt; im Januar 1999 heuert er bei der Firma SAIC an, die für das Pentagon arbeitet. Daher darf Hatfill weiterhin den Hochsicherheitsbereich von Fort Detrick betreten. Als SAIC-Angestellter gibt er eine wahnwitzige Studie in Auftrag: Wie und mit welchem Erfolg können Milzbrandsporen in einem Standardbrief versandt werden? Man fragt sich: Was soll diese Studie, die den Anschlag vorwegnimmt? Das Pentagon aufrütteln? Hatfill schweigt, die Firma SAIC schweigt, das Pentagon schweigt, das FBI schweigt.
Seit Jahren schon warnt Hatfill, der Biologie und Medizin studiert hat, vor der Milzbrandgefahr - 1997 etwa, als bei der jüdischen Wohlfahrtsorganisation B'nai B'rith in Washington ein Umschlag mit einem roten Gelee abgegeben wird. Zwei Arbeiter, die mit der Masse in Berührung kommen, müssen sich ausziehen und werden dekontaminiert, 100 Angestellte kommen in Quarantäne. Die Substanz erweist sich als eine ungefährliche Verwandte von Anthrax.
Doch plötzlich berichten die Zeitungen über die neue Gefahr des Bioterrorismus. In der Washington Times schreibt der Journalist Fred Reed: "Ich kenne einen Mann namens Steve Hatfill, der Arzt ist und viel Erfahrung mit der Dritten Welt hat und all den Krankheiten dort. Was würde nur geschehen, fragt er sich, wenn Terroristen, mit oder ohne Unterstützung von Regierungen wie der irakischen, Krankheiten als biologische Waffe gegen Amerika einsetzen würden? Wie würden sie das anstellen? Dr. Hatfill hat darüber intensiv nachgedacht." Im Folgenden entwirft der Journalist mithilfe seines Experten mehrere Szenarien. Alle handeln von Anthrax-Attacken. Am Ende des Textes heißt es: "Kaum jemand ist auf Bioterrorismus vorbereitet."
Das ist der Refrain des Steven Hatfill. Er wird zum großen Mahner. Amerika schläft, nur Steven Hatfill wacht. Das Magazin Insight zeigt ihn mit Gasmaske und selbst gebautem Schutzanzug aus Mülltüten in seiner Küche - eine Übung für jedermann.
Schließlich geschieht etwas, das jeden Kriminalpsychologen alarmiert. Wenige Tage vor den Anschlägen des 11. September 2001 und wenige Wochen vor dem Versand der Milzbrandbriefe verliert Steven Hatfill seine Zugangsberechtigung zu den Hochsicherheitsbereichen der Bioabwehrforschung. Warum, sagt niemand. Nicht das Pentagon, nicht Hatfill, nicht das FBI.
Für einen Propheten der Apokalypse ist der Ausschluss aus dem Kreis der Hohepriester die schlimmste Beleidigung. Hat Steven Hatfill mit einem Kurzschluss reagiert? Demnach wäre Hatfill, wenn er es denn wirklich ist, jener schizoide Täter-Retter, jener "Superpatriot", den die gängigen Theorien sich ausmalen: ein nicht erhörter Warner, der, als er aus dem Allerheiligsten der Laborwelt verbannt wird, zuschlägt, um sein Land zu erwecken, sogar wenn das Menschenleben kosten sollte; er will die Nation ja nur vor noch größerem Blutzoll bewahren.
Doch die Biografie des Steven Hatfill taugt nicht zu seiner Apotheose als tragischer Held. Zu viele dunkle Mächte begleiten ihn auf seinem Weg: die Schocktruppen des rhodesischen Rassistenregimes, die südafrikanische Apartheidsregierung und die CIA. Aber der Reihe nach.
Steven Hatfill hat in Harare, im früheren Rhodesien, Medizin studiert. Merkwürdigerweise taucht viele Jahre später auf den Anthrax-Briefen an die beiden amerikanischen Senatoren Patrick Leahy und Thomas Daschle folgender Absender auf: 4th Grade, Greendale School, Franklin Park, N. J. Doch eine Greendale-School gibt es in New Jersey nicht. Die gibt es dafür in Harare, in jenem Vorort gleichen Namens, in dem Hatfill Ende der siebziger Jahre wohnt. Das kann Zufall sein, muss es aber nicht.
Als Hatfill in Rhodesien ist, bricht dort die größte Milzbrandepidemie der Geschichte aus. 182 Menschen sterben, 10 000 werden krank. Später bekennen Offiziere, die Armee habe den Erreger gegen Schwarze eingesetzt. Alle Toten sind schwarz. Hatfill ist damals, wie er selbst angibt, Mitglied einer Eliteeinheit der Armee, die Feinde im Hinterland aufspürt und tötet. Die Feinde sind während dieser Jahre die Schwarzen.
Als Nächstes taucht Hatfill in Südafrika auf. Wieder tritt er in den Dienst eines Apartheidregimes ein. Er arbeitet für die Regierung an einem Forschungsprojekt in der Antarktis, woran genau, ist unbekannt. Bekannt ist hingegen (aufgrund einer Recherche der südafrikanischen Zeitung Daily Dispatch), dass Hatfill in dieser Zeit Verbindungen zur rechtsradikalen Afrikaner Weerstands Beweging des Eugene Terre'Blanche hat. Er übt mit dessen Bodyguards das Schießen, das er schon früher erlernt hat, spätestens beim Eintritt in die amerikanische Armee in Fort Bragg.
Was weiß die CIA, was das FBI?
In Hatfills Lebenslauf klaffen immer wieder Lücken, was The American Prospect mit "Geheimprojekten" erklärt. Seine Verbindungen zur CIA sind kaum zu übersehen. Mitte der neunziger Jahre taucht Hatfill als ABC-Waffen-Inspektor der UN im Irak auf. Dass die CIA die Inspektoren abschöpft, macht einer von ihnen später in einem Buch öffentlich. 1999 nimmt Hatfill an einem CIA-Kurs über biologische und chemische Waffen teil. Die Firma, für die er bis März 2002 arbeitet, ist Auftragnehmer der CIA.
Haben die Anthrax-Anschläge etwas mit den Geheimnissen der amerikanischen Regierung zu tun? Diese Frage müssten sich eigentlich seit vergangener Woche Amerikas Medien stellen. Doch nur wenige tun das. Nur ein einzelner namhafter Kommentator greift die Fahnder an. Nicholas D. Kristof zeiht in der New York Times das FBI der "Lethargie" und der "Unfähigkeit". Er beklagt, dass Hatfill noch immer nicht unter Beobachtung stehe und noch immer keine Schriftproben zum Vergleich mit den Anthrax-Briefen abliefern müsse. Wäre der Mann ein Araber, schreibt der Kolumnist, "wäre er längst verhaftet. Aber es handelt sich um einen blauäugigen Amerikaner mit Verbindungen zum Pentagon, zur CIA und zum Bioabwehrprogramm."
Kristof präsentiert eigene Recherchen, wonach Hatfill mehrere Identitäten besitze und bis in die jüngste Zeit im Auftrag der Regierung nach Zentralasien gereist sei. Hatfill verkehre in einem abgelegenen Gebäude, "vermutlich einem ,sicheren Haus' der Geheimdienste". Deshalb will der Journalist wissen, ob nicht nur Hatfill, sondern ob "auch die CIA und der Militärgeheimdienst bei der Ermittlung voll kooperieren".
Das Misstrauen gegenüber dem FBI ist schon fast ein halbes Jahr alt. Es fußt auf einem Aufsatz von Barbara Hatch Rosenberg, einer New Yorker Expertin für biologische Kampfstoffe. Sie wurde vom FBI konsultiert, zog sich aber, entsetzt über die Ermittlungsarbeit, zurück. Am 5. Februar 2002 schreibt sie, das FBI kenne wahrscheinlich die Identität des Anthrax-Terroristen seit Monaten, nehme ihn aber nicht fest, "weil er zu viel weiß". Am 17. Juni meldet sie sich wieder zu Wort (auf der Website redflagsweekly.com). Sie präsentiert Verdachtsmomente, die auf Steven Hatfill zielen. Als das FBI acht Tage später dessen Wohnung durchsucht, kann der Name nicht mehr geheim bleiben.
In der Mysterienwelt der amerikanischen Bioverteidigung ist es schwierig, verdächtiges Verhalten von normalem zu unterscheiden, einen Verdacht von einer Fantasie. Rosenbergs Kritik erzeugte jedenfalls allerlei Verschwörungstheorien. Auf den Websites hat ein wildes Geschnatter eingesetzt, und die Abteilung für Epidemiologie der Universität von Kalifornien publiziert inzwischen einen Wegweiser durch das Labyrinth der Anthrax-Theorien. Ob das FBI als zusätzlicher Verdächtiger zu gelten hat, vermag außerhalb der amerikanischen Regierung kaum jemand zu beurteilen.
Das FBI bezeichnet Rosenbergs Vorwürfe (und alle Ableger davon) als Humbug. Die Durchsuchung von Steven Hatfills Wohnung habe keinerlei Indizien erbracht. Insgesamt mache die Fahndung aber Fortschritte, wenn auch langsam. Vielleicht orientiert sich das FBI an der Fahndung nach dem berühmten Unabomber. Die hat 17 Jahre gedauert.
Federation of American Scientists Working Group on Biological Weapon: Analysis of the Anthrax Attacks Barbara Hatch Rosenbergs Analyse vom Ferbruar 2002
The American Prospect: Who is Steven Hatfill? Die Biografie des Verdächtigen von Laura Rozen
Johns Hopkins University: Center for Civilian Biodefense Strategies Eine der wichtigsten Informationsquellen über die Public Health- und Medizin-Aspekte von Anthrax und sämtlichen weiteren Biowaffensystemen
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