Die Französische RevolutionAlles war so möglich!

Auftakt für ein neues Europa: Hamburgs Bürger feiern die Französische Revolution von Hans-Werner Engels

Paris, Dienstag, der 14. Juli 1789. Ein angenehmer Tag, 22 Grad, Sonne, Wolken, frischer Wind aus Westen. An der Bastille, einer maroden Festung am Rand der Innenstadt, kommt es zu einem Aufruhr Schüsse fallen, Blut fließt.

Ist es nur eine dieser Revolten, die fast schon üblich geworden sind im wirtschaftlich zerrütteten Frankreich Ludwigs XVI.? Oder mehr? Noch weiß niemand, was daraus werden soll.

Was daraus wurde, aus diesem 14. Juli, das wissen wir heute. Es war der Geburtstag des modernen Europa. Aber schon die Zeitgenossen feierten ein Jahr später den "Sturm auf die Bastille" mit einem großen Fest auf dem Pariser Marsfeld - es goss in Strömen -, und überall in Europa feierten die Bürger mit. Auch in Deutschland, vor allem in Hamburg, mit rund 130 000 Einwohnern nach dem alten Wien und dem neuen Berlin die drittgrößte Stadt im Reich.

Eine Kaufmannsstadt, Bürgerstadt. Eine Reichsstadt, nur dem Kaiser untertan (und der saß weit weg in Wien). Wohlhabend und relativ frei: Hamburg und das benachbarte, vom dänischen König regierte Altona - mit 20 000 Einwohnern so groß wie damals Hannover oder Stuttgart - erlebten in jener Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung. Entsprechend blühten die Künste. Viele Bücher und Zeitungen erschienen die Zensur gab sich liberal, während in Preußen und Österreich die Gazetten durchaus genieret wurden. Beide Elbstädte waren längst zu Deutschlands geistigem Zentrum im Norden geworden.

So überrascht es nicht, dass man in Hamburg 1790 ein Freiheitsfest feiern konnte, wie es in Berlin oder Wien zum Skandal geführt hätte. Vor dem Dammtor fand es statt, in einer bekannten Gartenwirtschaft, "einem öffentlichen Lusthaus" nicht weit von der Alster, wo einst das Kloster Harvestehude gestanden hatte. Ein Fest, das zu den schönsten Momenten der deutschen Freiheitsgeschichte gehört - Urbild aller späteren großen Bürgerfeiern wie zum Beispiel des berühmten Fests auf dem Hambacher Schloss 1832. Man hat viel darüber geschrieben, es oft auch noch ein bisschen ausgesponnen. "Vertreter aller Nationen", plaudert da 1885 der Historiker Carl Mönckeberg, "waren zugegen, auch zwei Neger alle fielen sich um den Hals, gaben sich den Bruderkuß und jubelten."

Ob mit oder - sehr wahrscheinlich - ohne "Neger": Initiator des Ganzen ist Georg Heinrich Sieveking. Der erfolgreiche Kaufmann, damals 41 Jahre alt, hat es 1777 zum Teilhaber des Handelshauses "Voght und Sieveking" gebracht. Es verfügt über besonders gute Beziehungen zu den USA und zu Frankreich, dem wichtigsten Handelspartner Hamburgs. 1782 heiratet er Johanna Margaretha Reimarus, Tochter des Arztes und Gelehrten Johann Albert Heinrich Reimarus (und Enkelin von Hermann Samuel R., bekannt als Autor der bibelkritischen "Reimarus-Fragmente", die, von Lessing veröffentlicht, eine gewaltige Debatte auslösten und Kulturgeschichte machten). Der weltoffene Geschäftsmann Sieveking bekennt sich früh zur Aufklärung, ist engagierter Freimaurer, Kosmopolit und Philanthrop. 1792 wird er zum Präsidenten der Sociéte de Lecture gewählt, einer Hamburgischen Lesegesellschaft, die französische Ideen verbreitet und später, am 14. Juli 1792, in einem "patriotischen Kaffeehaus" selbst eine Bastille-Feier gibt. Auf dem gastfreien Landsitz der Sievekings an der Elbe, in Neumühlen bei Altona, hält Johanna einen Salon, der noch lange über den Tod ihres Mannes hinaus eine europäische Adresse ist.

Während Sieveking schon 1799 stirbt, lebt sein fast gleichaltriger Freund Caspar Voght, ein weiterer Gastgeber des Festes, noch bis 1839. Der vielseitige Junggeselle ist eine rare Erscheinung im höfisch verkrüppelten Deutschland jener Tage: ein freier Kopf, ein souveräner Bürger. Der Theaterfreund, Verehrer schöner und geistreicher Frauen, reist gern und baut, inspiriert von Erfahrungen aus ganz Europa, bei Altona ein Mustergut auf.

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