Aber noch will der hinfällige Greis, eifersüchtig abgeschirmt von seiner Frau Rahsan, nicht weichen. Noch treiben die alten Parteiführer ihre byzantinischen Ränkespiele - in dieser Hinsicht ist Ankara ganz der Erbe von Byzanz. Noch hat auch Kemal Dervis, der Wirtschaftsminister, nicht das Handtuch geworfen - der Preis seiner Demission wäre fatal in dem ökonomisch gebeutelten Land mit seiner Inflationsrate von 53 Prozent, den 250 Milliarden Dollar Schulden der öffentlichen Hand und einer stagnierenden Gütererzeugung. Vorerst taktiert und finassiert alles.

Vorgezogene Wahlen böten einen Ausweg. Freilich könnten sie die politische Landschaft grundstürzend verändern. Keine der drei Parteien, die gegenwärtig die Koalition bilden, käme nach den jüngsten Meinungsumfragen über die in der Türkei gültige Zehnprozent-Hürde. Gewinner wäre mit über 20 Prozent wohl die islamistische Ak-Partei von Tayyib Erdogan, dem populären früheren Bürgermeister von Istanbul. Seinen Sieg jedoch würden die Militärs, die seit Kamal Atatürk das letzte Wort im Lande haben, schwerlich hinnehmen wollen.

Gekungelt wird auch um den Wahltermin. Die Reformer wollen einen früheren Termin. Dies gäbe ihnen die Chance, die Todesstrafe abzuschaffen, den Kurden Minderheitenrechte nach europäischem Rechtsverständnis einzuräumen und eine international akzeptierte Lösung des Zypernproblems unter Dach und Fach zu bringen - rechtzeitig vor dem Kopenhagener EU-Gipfel im Spätherbst. Die Europäische Union müsste Ankara dann einen Termin für den Beginn von Beitrittsverhandlungen nennen. Die Konservativen hingegen streben einen möglichst späten Wahltermin an - in der Absicht, die Reformen hinauszuzögern und zugleich den Zug nach Europa zum Entgleisen zu bringen.