© Gerit Schulze

Eigentlich könnt Ihr in den USA Eure Verfassung wieder ändern. Die Sowjetunion ist verdampft und Nachfolger Russland längst kein Hort des Atheismus mehr. Gott hat seine Betriebsferien im Osten beendet und ist zurückgekehrt in Alltag und Gesellschaft der Russen. Das "gottlose Reich des Bösen", das Amerika seit den 50er Jahren fürchtete, gibt sich wieder fromm.

Doch die Freiheit der Religionswahl, die Amerika propagiert und vorlebt, ist in Russland alles andere als selbstverständlich. Hier regiert die Orthodoxe Kirche und damit basta. Zwar gibt es auch über sechs Millionen Muslime, eine halbe Million Juden und Dutzende Naturreligionen in den Weiten Sibiriens. Doch nur die "rechtgläubige" Kirche erhebt den Anspruch, in Staat und Politik mitreden zu dürfen. Moskau ist das "Dritte Rom", und ein viertes werde es nicht geben, verkündete der Mönch Filofej schon im 16. Jahrhundert. Nach der Einnahme des oströmischen Byzanz durch die Osmanen (1453) verstand sich die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) als einzig wahrer Gralshüter christlichen Glaubens.

Aber der Monopolanspruch des Moskauer Patriarchats wackelt. Gefahr dräut diesmal nicht von weltlichen Machthabern im Kreml, sondern aus Rom. Die katholische Schwesterkirche wildert in fremdem Revier, schimpfen die religiösen Würdenträger in Moskau. Denn im Februar dieses Jahres ordnete Papst Johannes Paul II. an, die Organisation in Russland zu straffen. Die bisher vier apostolischen Administraturen Moskau, Saratow, Nowosibirsk und Irkutsk wurden zu Bistümern erhoben. Eine Affront für das Moskauer Patriarchat. "Der Vatikan macht Russland zu einer Kirchenprovinz", schlagzeilte die Zeitung "Westi".