Porträt Auf der Suche nach dem deutschen Klang
Der Amerikaner Kent Nagano ist der unaufdringliche Star unter den Berliner Dirigenten
Wer den Konzerten einer zu Ende gegangenen Spielzeit noch einmal nachlauscht, läuft immer Gefahr, das Gehörte zu verklären. Das Gedächtnis hält nur das Markante fest, blendet Ungefähres und Mittelmäßiges weg, neigt dazu, widersprüchliche Eindrücke im Nachhinein zu glätten. So hegt man manchmal einen Rest an Skepsis gegenüber den eigenen (allzu) griffigen Charakterisierungen, die sich von einem Künstler im Kopf festgesetzt haben. Ist der Dirigent Kent Nagano tatsächlich der nonchalante, französische Feingeist, als den man ihn gerne beschreiben möchte? Ein Mann der jederzeit geschmackvollen und stilbewussten musikalischen Rede? Ein Interpret von hoher Intellektualität, der dem Formaufbau aller Partituren gleichermaßen mit kontrolliertem Ausdruck und geschmeidiger Eleganz nachspürt?
Man beginnt sofort, nach Gegenbeispielen zu suchen: Zeigt er, sobald er Werke von Gustav Mahler oder Hector Berlioz interpretiert, nicht auch einen Zug ins expressiv Ekstatische, der gar nicht ins Bild vom Apologeten ebenmäßiger Schönheit passen will? Spricht aus seinen Aufführungen zeitgenössischer Kompositionen nicht auch eine große Leidenschaft für sperrig Verkantetes?
Gute Dirigenten lassen sich nie auf einen interpretatorischen Nenner bringen, sie bleiben bis zu einem gewissen Grad immer unberechenbar. So ist es auch bei Kent Nagano, der seit zwei Jahren Chef beim Deutschen Symphonieorchester Berlin (DSO) ist und inzwischen zu den auffälligsten Dirigentenfiguren in der deutschen Orchesterlandschaft gehört. Sieht man einmal von Claudio Abbados bewegendem Abschied bei den Berliner Philharmonikern ab, war es Nagano, der in der abgelaufenen Konzertsaison den musikalischen Ton der Hauptstadt am nachhaltigsten geprägt hat - nicht Daniel Barenboim, der mit seinem monströsen Wagner-Gesamtzyklus an der Staatsoper Unter den Linden vor allem prestigesüchtig agierte, und auch nicht Christian Thielemann, der zwar für sich in Anspruch nimmt, der Darling des Berliner Musikpublikums zu sein, aber dafür viel zu selten in der Stadt war.
Ideenreich hat sich das DSO unter Nagano (und mit dem prägenden Einfluss des Dramaturgen Dieter Rexroth) wegbewegt vom symphonischen Mainstreamrepertoire. Es hat selten zu Hörendes in die Programme integriert und das Altbekannte in überraschenden Kontexten neu befragt, wenn plötzlich Vivaldis Vier Jahreszeiten mit den Three Places of New England von Charles Ives verschränkt werden oder - als (un)heimlicher Höhepunkt der Spielzeit - in das Deutsche Requiem von Brahms neu komponierte Zwischenstücke von Wolfgang Rihm ragen: geheimnisvoll schimmernde, statische Klangreliefs, die die Brahms-Partitur dunkel fragend und sinnierend interpunktieren, verschatten, nachklingen lassen und weiter denken.
Nagano, der Amerikaner mit japanischen Vorfahren, pflegt solchen freien Umgang mit den Heiligtümern des Repertoires, weil ihm die bürgerliche Musiktradition des 19. Jahrhunderts nicht in erster Linie ein Erbe ist, das es zu verwalten gilt, sondern eine Sehnsucht, die er zu stillen versucht. Man spürt es, wenn er von seiner Kindheit in Morro Bay erzählt, einem kleinen Ort an der kalifornischen Westküste nördlich von San Francisco, in dem er aufgewachsen ist. Dort hat ein Klavierlehrer aus München viel von deutschen Märchen und Bergen erzählt, brachte ihm europäische Literatur, Musik - und die deutsche Innerlichkeit nahe. Der alte Kontinent, ein Wunschort.
Nagano hat immer wieder in Interviews den entscheidenden Augenblick seiner Karriere erwähnt, als er, Jungdirigent beim Berkeley-Symphony Orchestra, Messiaen aufführte, dem Komponisten eine Tonbandaufnahme nach Paris schickte und der ihn schließlich als Assistent von Seiji Ozawa zur Uraufführung von Saint François d'Assise an die Garnier-Oper einlud.
Distanziert im Großstadttaumel
Andere Dirigenten wie Claudio Abbado oder Zubin Mehta haben sich Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner oder Mahler via Wien genähert, wo sie einst bei Hans Swarovski studierten. Nagano kommt von Paris her (und Lyon, wo er von 1988 bis 98 die Oper leitete), was einen Unterschied macht. Man kann gar nicht anders, als seinen feinen musikalischen Sinn für Lichteinfall und instrumentale Farben mit seiner Lehrzeit bei Messiaen in Verbindung zu bringen. Man wird die Quellen für Perfektion und clarté, die aus vielen seiner Interpretationen sprechen, bei Pierre Boulez suchen müssen, dessen Ensemble Intercontemporain er oft dirigiert hat. Selbst wenn er von Leonard Bernstein spricht, einem weiteren Mentor, erzählt er als erstes, wie der ihm zur Vorbereitung auf ein Stück eine Mallarmé-Gesamtausgabe auf Französisch in die Hand gedrückt habe.
Allerdings hat er sein kalifornisches Erbe nicht in Amerika zurückgelassen - den weiten Blick, den er an der Pazifikküste geübt hat, einen selbstverständlichen Kosmopolitismus, die Offenheit fürs Nonkonformistische. Seine in exquisiter Qualität auf CD dokumentierte Opernarbeit in Lyon zeigt, dass er sich von jeher auf intelligente Weise weg vom Gängigen bewegt hat: Nicht Puccinis Turandot hat er auf die Bühne gebracht, sondern die viel unbekanntere von Ferruccio Busoni. Nicht Pelléas et Melisande hat er von Debussy aufs Programm gesetzt sondern dessen frühe Oper Rodrique et Chimène. Für den glatten Minimalismus von John Adams hat er ebenso ein Faible wie für den viel unzugänglicheren Edgar Varèse.
Mit dem DSO, sagt Nagano, sei er nun dabei, zu ergründen, was das ist: deutscher Klang und deutsche Orchestertradition. Er sagt es, als sei das eine Verpflichtung, um die kein Dirigent in der deutschen Hauptstadt herumkommt. Sagt es, weil er weiß, dass der Rang der großen Dirigenten hierzulande nach wie vor in erster Linie an den Symphonien von Beethoven bis Bruckner gemessen wird. Als sei eine brillant geprobte Aufführung der Messiaen-Oper Saint François d'Assise, wie Nagano sie in Salzburg ablieferte, oder eine wunderbare Produktion der Oper Trois S“urs von Peter Eötvös, die er in Lyon zur Uraufführung brachte, nur halb so viel wert wie ein schöner Brahms.
Als Makel haftet ihm immer noch an: dass er sich schwer tue mit deutsch-österreichischer Großsymphonik des 19. Jahrhunderts, dass seinen Brucknerinterpretationen die erzene existenzielle Dringlichkeit abgehe, dass seinem Schubert letzte Weltverlorenheit fehle. Wer ihn mit Werken von diesen Komponisten gehört hat, kann den Eindruck nicht ganz von der Hand weisen. Was an seiner Qualität als Musiker nichts ändert. Nagano hat sich eigene Passagen in und durch das Repertoire geschaffen.
Anfang des Jahres führte er am Pult seines Orchesters George Gershwins Ein Amerikaner in Paris auf - als autobiografische, selbstironische Pointe. Mit Tempo stürmte er durch das Stück, arbeitete den vitalistisch buntscheckigen Charakter funkelnd heraus, gab sich aber dem Großstadttaumel nie ganz hin. Es blieb ein Rest von vornehmer Distanz. Keine ungezügelte Leidenschaft war da zu hören, kein Straßenschmutz, nichts Verruchtes. Was Nagano dirigierte, hätte viel eher heißen müssen: Ein Parisien in Amerika. Und trotzdem war es eine fulminante Aufführung.
Kent Nagano dirigiert bei den Salzburger Festspielen Alexander Zemlinskys "König Kandaules". Das Deutsche Symphonieorchester ist derzeit "Orchestra in Residence" in Salzburg
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 30/2002
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