Der alte Mann und das Mädchen, das ist die beliebte Version des immergrünen literarischen Motivs der Verführung. Dass sie nicht nur Männerfantasien entspringt, zeigt die 40-jährige Yoko Ogawa. Zwei ihrer Romane sind jetzt erstmals im jungen Verlag Liebeskind erschienen: Hotel Iris (japanisch 1996) und Der Ringfinger (japanisch 1994), in Konstruktion und Ton überzeugende Geschichten. Sie kommen (wie die japanische Literatur und der Film) nicht ohne Schocks aus. Schockierend sind sie deshalb, weil sie sich auf die beiden existenziellen Extreme konzentrieren: Erotik und Tod. Im Ringfinger leitet Herr Deshimaru ein Archiv x-beliebiger Dinge, die er in seinem Labor präpariert. Jederzeit dürfen die Auftraggeber sie betrachten kommen, keiner macht von diesem Recht Gebrauch. Denn die "eingeschlossenen" Präparate sollen ja gerade aus dem Kopf des Kunden vertrieben werden. Da sie nicht der Forschung dienen, werden sie zu Kunstwerken; da sie auch nicht der Erinnerung, sondern der Bannung und Beschwörung dienen, werden sie zu archaischen Kunstwerken: Ritualobjekten.

Nackte Sätze mit Wirkung

Ich-Erzählerin der Geschichte ist eine 21-Jährige, die bei einem Arbeitsunfall die Spitze ihres Ringfingers eingebüßt hat. Sie wird Deshimarus neue Angestellte (und später auch Geliebte). Damit sie weiß, worum es geht, zeigt er ihr ein Glas mit präparierten Pilzen. Diese fand ein junges Mädchen nach einem Hausbrand, bei dem es seine Familie verloren hatte. Irgendwann erscheint das Mädchen wieder. An den Brand erinnert noch eine Narbe auf ihrer Wange, diese Erinnerung will sie auslöschen, das heißt, sie will die Narbe präparieren lassen, damit aber - weiß sie es, will sie es gar? - löscht sie sich selbst aus.

Mit Yoko Ogawas Mädchen finde sich einer zurecht. Ihr Verhalten erscheint wie eine sinnlose Selbstentäußerung, wie eine unerklärliche Selbstzerstörung. Ein alter Schuhputzer warnt die junge Angestellte vor ihren Schuhen, einem Geschenk Deshimarus: Sie passten ihr zu gut, ihre Füße würden "von ihnen verschlungen werden". Aber der ist das egal: "Ich will nicht frei sein." Warum nicht?" Yoko Ogawa erzählt nackt, unbewegt, mit einer Kunstlosigkeit, deren Kunst verblüffend ist. Und je nackter die Sätze und innerlich regungsloser die Figuren, desto dramatischer die Wirkung. Ohne psychologische Erklärungen, abgeschirmt gegen das heutige Übermaß lauter und bunter Sinneseindrücke, reduziert sie ihre Geschichten auf die Beziehung zweier Menschen: immer einer jungen Frau, die sich in die Abhängigkeit eines älteren, erfahrenen Mannes begibt. Das ist eigentlich alles. Die Männer sind beinahe göttlich, numinos; Deshimaru umgibt am Anfang sogar eine Glorie. Die Frauen dagegen hatten noch gar kein Leben. In Hotel Iris trifft die 17-jährige Mari, die im Hotel ihrer Mutter als gehorsame Bedienstete arbeitet, einen 50 Jahre älteren Übersetzer von Beipackzetteln, der privat an der Übersetzung eines fiktiven russischen Romans bosselt. Sie ist von ihm so fasziniert, dass sie ihm in sein Haus folgt. Dort entpuppt sich der würdige Herr als Sadist. Willfährig, geradezu sehnsüchtig unterwirft sie sich seinen Neigungen und genießt seine Folter, mit der er sie straft, nachdem sie mit seinem Neffen geschlafen hat. "Er erniedrigte mich mit Anmut." Bei Ogawa sind Schönheit und Gewalt unzertrennlich. So wie bei Georges Batailles Erotik der Körper, wo das "individuelle Wesen der Partner" vergewaltigt werde: "Der Sadismus zeigt bloß die äußerste Richtung eines wesentlichen Vorgehens."

"Mit dem Sex fing ich an, um Mutter zu töten", steht in dem Text Mutter töten (deutsch 1993) der Japanerin Hiromi Ito. Auch Mari probt durch das Ausleben ihrer Sexualität den Abschied von der Mutter. Ein Abschied, der zugleich Initiation ist. Und Erfahrungshunger treibt auch die Ich-Erzählerin im Ringfinger an. Deshalb also wollen beide "nicht frei sein": weil sie sich von der "fossilienhaften Starre" (in ihnen und ihrer Umwelt) befreien wollen. Es ist das einzige, aber gewichtige Bedürfnis, das diese so bedürfnislosen Personen haben. In Hotel Iris immerhin wandelt sich die Beziehung des ungleichen Paars. Irgendwann fragt man sich nämlich, wer hier eigentlich von wem abhängig ist. Am Ende sucht der Übersetzer den Tod, weil seine Beziehung zu Mari keine Zukunft hat. Am Grab "erschienen keine Angehörigen. Auch der Neffe ließ sich nicht sehen." Da klingen die berühmten Schlusssätze aus Goethes Werther an.

Das offene Ende im Ringfinger lässt den Leser eher beklommen zurück. "Werden Sie jetzt in das Labor zurückkehren?", fragt der Schuhputzer. - "Ja." - "Dann werden wir uns nicht wiedersehen." So einfach ist das. Sie geht, um ihren Finger präparieren zu lassen. Was das bedeutet, zeigt das Schicksal des Mädchens mit der Narbe.

Yoko Ogawa: Hotel Iris
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler; Roman; 2001; 224 S., 18,90 €