Die beunruhigende Botschaft kam per Post. Tausende Frauen in den USA fanden vergangene Woche eine Mitteilung der nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) im Briefkasten: Sie sollten Hormonersatzpräparate absetzen, die sie seit etwa fünf Jahren eingenommen hatten. Der mögliche Schaden sei größer als der Nutzen.

Anlass für die Briefaktion: In den USA war eine große Untersuchung zur Frauengesundheit abgebrochen worden. In der bis 2005 geplanten Studie mit rund 16 000 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren waren gefährliche Nebenwirkungen entdeckt worden: Im Vergleich zu 8000 Frauen, die ein Scheinpräparat bekamen, traten bei 8000 Frauen, die Hormone erhielten, 41 Prozent mehr Schlaganfälle, 29 Prozent mehr Herzinfarkte und doppelt so viele Thrombosen und Embolien auf. Zudem erhöhte sich der Anteil der Frauen mit Brustkrebs um 26 Prozent. Für die Verantwortlichen am NIH genügend Gründe, die Studie zu beenden (JAMA Nr. 288, S. 321-333).

Dabei sollte die Women's Health Initiative (WHI), die mit 268 Millionen Dollar gefördert wurde, das Gegenteil beweisen. "Die WHI-Studie wurde konzipiert, um die vorbeugende Wirkung der Hormone auf Herz und Kreislauf zu belegen", sagt Martina Dören, Professorin für Frauengesundheit an der FU Berlin. Zwar hat die Untersuchung gezeigt, dass durch den Hormoncocktail die Häufigkeit von Dickdarmkrebs um 37 Prozent verringert werden kann. Auch die Rate der Knochenbrüche war um ein Viertel zurückgegangen. Doch diese Wirkungen verblassen angesichts der Gefahren, denen Frauen bei langfristiger Hormongabe ausgesetzt sind. In einem Kommentar zu der WHI-Studie warnen Harvard-Mediziner die Frauen zwar vor Panik. Sie schließen aber mit der eindeutigen Empfehlung: "Verwenden Sie keine Östrogen-Gestagen-Kombinationen, um chronischen Erkrankungen vorzubeugen."

Das wurde vor kurzem noch anders gesehen. Ein früher und langfristiger Hormonersatz, wenn die körpereigene Produktion nachließ, schien der Garant für weibliche Gesundheit zu sein. Etliche deutsche Frauenärzte teilen deshalb die amerikanischen Schlussfolgerungen nicht. Die untersuchten Frauen seien mit durchschnittlich 63 Jahren zu alt, das fragliche Präparat werde in Deutschland kaum verwendet. "Für viele Frauen sind Hormone das Beste, um Beschwerden zu vermeiden und ihnen Wohlbefinden zurückzugeben", sagt Christian Lauritzen, ehemaliger Chef der Gynäkologie in Ulm und Betreiber eines Privatinstituts für gynäkologische Endokrinologie, Reproduktionsmedizin und Menopausenforschung. Auch Thomas Rabe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin, sieht keinen Grund, die Verschreibungspraxis zu ändern.

Der Berufsverband der Frauenärzte hat für seine fast 14 000 Mitglieder einen Brief zur Auslage im Wartezimmer erstellt. Darin wird der "sehr verehrten Patientin" mitgeteilt, dass sich die US-Ergebnisse kaum auf Deutschland übertragen ließen. Lapidar heißt es, die WHI-Studie habe "keine Senkung der Herz-Kreislauferkrankungen" erbracht. Thrombosen, Embolien und Herzinfarkte werden verschwiegen. Die Zunahme der Brustkrebserkrankungen nach Hormongabe wird geradezu zynisch interpretiert: Solche Tumoren könnten "durch das beschleunigte Wachstum früher erkannt und entfernt" werden.