M O L D A W I E N Die Sümpfe des Dnjestr
Politiker verschwinden, Schmuggler machen Kasse, jeder Vierte arbeitet im Ausland - Moldawien kämpft um seine staatliche Existenz
Der Vorfall war äußerst ungewöhnlich und doch symptomatisch für Moldawien: Vor sieben Wochen irrte der Politiker Vlad Cubreacov durch sein Land auf der Suche nach der rettenden Richtung. Schließlich traf er weit nach Mitternacht am Rande eines Dorfes auf eine Polizeistreife. "Ich bin entführt worden", erzählte der unrasierte und abgemagerte Cubreacov stockend auf Rumänisch. Russisch wollte er nicht sprechen. Es erinnere ihn an die Sprache seiner Peiniger, sagte er. Zwei Monate lang war der nationalistische Politiker spurlos verschwunden gewesen. Was genau in dieser Zeit mit ihm passierte, blieb bis heute ungeklärt.
Cubreacovs rätselhaftes Verschwinden markierte den vorläufigen Höhepunkt einer Staatskrise um Sprachen, Macht und Orientierungslosigkeit. Moldawien gelingt es nicht, seinen Platz im Koordinatensystem der Länder Europas zu bestimmen. Es strebt offiziell die Integration in die Europäische Union an, bittet um Hilfsgelder aus Brüssel und bindet sich zugleich in Partnerschaftsverträgen an Russland und die GUS-Staaten. Die kleine Republik liegt eingeklemmt zwischen Rumänien im Westen und der Ukraine im Osten und umfasst den Hauptteil Bessarabiens. Sie ist ein Abfallprodukt aus der Zeit jener Kunststaaten, deren Grenzen Stalin mit Hinterlist und Pfeife am Kartentisch zog, um sich das Herrschen zu erleichtern. Die ethnischen Rumänen, die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen, teilen sich das vergessene Land mit der ukrainischen, russischen, turkstämmischen und bulgarischen Minderheit.
Zu Sowjetzeiten fühlte sich die moldawische Republik als sonnige und weinselige Lieblingstochter der Kremlherren: Moskau marschierte, und Chis¸inau, ihre Hauptstadt, durfte flanieren. Dann, 1991, stolperte Moldawien mit improvisierter Staatsflagge in die Unabhängigkeit. Seitdem geht es bergab: Korruption, Verelendung und Konflikte im Charivari der Völkerschaften plagen das Land, ganz so, wie es das kommunistische Lehrbuch für ein kapitalistisches Land vorhergesagt hätte.
Neun Regierungschefs und zwei Präsidenten hat die Reformpolitik in den vergangenen zehn Jahren verschlissen. "Es gab kein Konzept für eine eigenständige Republik", sagt der ehemalige Ministerpräsident Dumitru Braghis selbstkritisch. Wie in den Jahrhunderten zuvor schwankte Moldawien in einer Mischung aus Liebedienerei und Gerissenheit hin und her zwischen fremden Mächten. "Unser Mangel an Identität ist unser schmerzlichstes Problem", diagnostiziert Braghis.
In ihrer Enttäuschung wählten die Moldawier vor gut einem Jahr die Kommunisten zurück an die Macht. "Es war an der Zeit", analysierte die Zeitung Moldawskije Wedomosti, "im chaotischen Bordell nicht nur die Möbel, sondern auch die Menschen auszutauschen." Seitdem logiert der frühere Brotbäcker und russische General Wladimir Woronin im Präsidentenpalast hoch über Chis¸inau. Russen prägen die Provinzstadt seit langem: Im Puschkin-Park wirft das Monument des russischen Dichters, der hierher verbannt wurde, seinen Schatten auf die Büsten einheimischer Literaten - sofern der verarmten Stadt nicht wieder der Strom für die Laternen abgedreht wurde. Die Spannweite der Architektur reicht vom zaristischen Neoklassizismus bis zur sowjetischen Betonbrutalität. Der Präsidentenpalast sieht aus wie eine Abschussrampe aus versteinerten Orgelpfeifen. Sein Vestibül ist mit einer Explosionsfantasie sowjetischer Innenarchitektur aus Kristallglas und Metall verziert. Woronin, der erprobte Apparatschik, passt gut hier hinein.
Der 61-Jährige zupft mit Freude die Halstücher junger Pioniere und die Kranzschleifen zu Lenins Geburtstag zurecht. Dabei gilt er als integrer Nostalgiker mit sozialdemokratischen Anfällen. Doch in der ungewendeten Partei ist er umgeben von Hardcore-Kommunisten, die ihre Reise zum Genossen Kim Jong Il feiern: "Wie einst Nordkorea hat sich Moldawien auf den Weg der Wiedergeburt des Sozialismus begeben."
Die Kommunisten werden mit Panflöten zermürbt
Als Gegengewicht zu den Orthodoxen hat Woronin junge, alerte PR-Experten um sich geschart. Sie zitieren Machiavelli und denken eher pragmatisch als ideologisch. Der Kommunismus dient dem Präsidenten vor allem als erfolgversprechendes Label. Woronin verkörpert so das Unklare und Trügerische, das zu Moldawien passt wie die Nebelschleier über dem Pruth. An Russland lehnt er den Kopf, Europa streckt er die Hände entgegen, und der Partei wärmt er mit dem markigen Versprechen das Herz, aus Moldawien ein zweites Kuba zu machen (was seine Landsleute durchaus nicht als Drohung auffassen).
Zuerst aber bescherte Woronin dem Land eine tiefe Krise, als er die Einführung des obligatorischen Russischunterrichts ab der zweiten Schulklasse beschloss. Sein Widersacher, der Nationalist Iurie Rosca, liebt den Kick des Konflikts. Rosca, der sich rühmt, in 30 Sprachen "Nieder mit dem Kommunismus!" rufen zu können, mobilisierte gegen den "russischen Imperialismus". Er ließ für Monate vor dem Präsidentenpalast ein Zeltlager errichten. Die Aktivisten fuhren Kanonenöfen auf und versuchten, Woronin mit Panflötenmusik aus ihren Lautsprechern zu zermürben. Der Präsident antwortete, wie es sich für einen echten Kommunisten gehört: "Hinter diesen Demonstrationen stehen die örtlichen korrumpierten Strukturen und die ideologische Diversion der Rumänen." Dann verschärfte das Verschwinden von Roscas Mitstreiter Cubreacov die Auseinandersetzung. Die politische Mitte wurde zwischen den radikalen Lagern aufgerieben. Erst der Europarat konnte die direkte Konfrontation im Mai vorerst beenden.
Die Nationalisten träumen von einer Vereinigung Moldawiens mit Rumänien, das ihm in Kultur und Sprache nahe steht. Das Moldawische, wie es in Anküpfung an die sowjetische Sprachregelung noch immer bezeichnet wird, unterscheidet sich vom Rumänischen nur in kleinen Abweichungen und vielen aus dem Russischen entlehnten Schimpfwörtern. Der Elan der Vereinigungseiferer erreichte Anfang der neunziger Jahre seinen Höhepunkt: Endlich stand die Grenze zu Rumänien offen, die zu Sowjetzeiten fast undurchlässig war. Der Besitz rumänischer Literatur war nicht mehr verboten. Doch die Euphorie erlosch bald im kleinen Grenzverkehr. Rumänien konzentrierte sich auf Westeuropa, und die moldawischen Nationalisten warten als politische Minderheit im eigenen Land weiterhin auf ihre Chance.
Moldawien besitzt alle Anlagen zu einem failing state, einem scheiternden Staatsgebilde. Das Land ist bereits zerfallen: Transnistrien östlich des Flusses Dnjestr hat sich nach einem Bürgerkrieg 1992 abgespalten. Das Gebiet gehört historisch zur Ukraine, und seine vorwiegend russischsprachigen Bewohner fürchteten die Unterjochung durch die Rumänen. Heute halten die wirtschaftlichen Interessen einiger Profiteure aus Schmuggel und anderen trüben Geschäften das Phantomland zusammen. Umso schwieriger gestaltet sich für Moldawien jede Verhandlung über eine Föderation mit Transnistrien. Doch das wackelige Land muss seine staatliche Integrität bald wiederherstellen. Sonst bleibt der Weg nach Westeuropa versperrt.
Die europäischen Staaten ihrerseits vernachlässigen das eher störende Moldawien. Es fehlt eine klare Strategie. Nur Deutschland unterhält in Chis¸inau eine vollwertige Botschaft und muss für alle anderen Schengen-Länder die Visa ausstellen. Bis zu 40 000 Anträge kommen pro Jahr zusammen, und die Mafia verschachert die besten Plätze in der Warteschlange vor dem Konsulat. Der Eindruck verfestigt sich in Moldawien, dass der Westen die Zugbrücke seiner Festung hochzieht.
Dabei haben sich vor allem die jungen Städter bereits für den westlichen Lebensstil entschieden. Modisch herausgeputzt, spazieren sie über den zentralen Boulevard zu den Straßencafés und Pizzerien zwischen dem Präsidentenpalast und der Tschuflinsker Kirche, wo der Priester die Neureichen durch den Seiteneingang bittet, damit sie nicht in der Menge vor dem Portal anstehen müssen.
Auf dem Land entscheidet das Elend für die Menschen: Hunderttausende verlassen die verlorenen Dörfer ohne Wasser und Traktoren, um durch Arbeit in Portugal, Italien oder Frankreich das Überleben der Familien zu sichern. Westliche Hilfsorganisationen zeigen Fotos von unterernährten Dorfkindern, deren Knochen unter der fahlen Haut hervorragen. In ihrer Heimat, dem ärmsten Land Europas, verdienen die Moldawier im Schnitt etwas mehr als einen Dollar pro Tag. Da ist es überall besser.
Die Menschen sind das einträglichste Exportprodukt Moldawiens. Jeder vierte Arbeitsfähige schuftet im Ausland, meist illegal: die Männer auf Baustellen oder in Chemiewerken, die Frauen und minderjährigen Mädchen oft unter Zwang in den Bordellen des Balkans, wo die Soldaten der Nato-Friedenstruppe den Umsatz sichern. So gesehen, sind die Moldawier längst in Europa angekommen. Manche der Verzweifelten kommen ohne Niere zurück. Sie haben sie an ein Krankenhaus in Istanbul verscherbelt für 3000 Dollar, den Verdienst von 30 Arbeitsjahren in der heimischen Kolchose.
"Nach dem Beitritt Rumäniens liegt Moldawien an der Ostgrenze der Europäischen Union", betont Expremier Braghis. "Europa muss jetzt aktiver werden." Braghis setzt auf wirtschaftliche Gesundung durch Integration. Wenn die Bedeutung der Grenzen schwindet, hofft er, lösen sich die Probleme mit Transnistrien und dem rumänischen Nationalismus. Dann könnte Moldawien zu sich selbst finden. Die Polittechnologen um Präsident Woronin sind etwas skeptischer. "Wir Moldawier mögen uns einfach nicht", sagt einer von ihnen. "Das ist eher eine Aufgabe für den Psychiater."
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